Unsere beliebtesten Ausreden – Teil 1: Zeitmangel

Zeitmangel ist des Deutschen liebestes Ausreden-Kind. Sätze wie „Dafür habe ich keine Zeit“, oder „Das dauert mir zu lange. Das mache ich mal wenn ich die Muße dafür habe“, sind sicherlich jedem bekannt. Zeitmangel ist schon seit vielen Jahren die Allzweckwaffe und das Totschlagargument schlecht hin, um Veränderungen und Weiterentwicklung zu verhindern. Lassen Sie uns heute mal genauer hinschauen, was hinter dieser Ausrede in Wirklichkeit steckt.

„Ich habe jetzt keine Zeit“ – wie oft haben Sie diesen Satz heuer schon gehört oder vielleicht auch selbst gesagt? Unter Zeitmangel oder Stress zu leiden ist heutzutage fast schon ein Statussymbol. Wer keinen Stress hat, der arbeitet nicht oder hat offensichtlich keinen anspruchsvollen Job. Was für ein dummer Aberglaube! Diese Fehlhaltung unserer Multi-Tasking-Gesellschaft verschlimmerte sich vor allem in den letzten 10-15 Jahren ganz massiv. Schon längst sind wir z.B. auch nicht mehr Herr der ganzen technischen Neuentwicklungen, die uns eigentlich als Hilfsmittel dienen sollten um Zeit zu sparen. Anstatt dessen sind wir zu Sklaven der Technik geworden und lassen uns von ihr diktieren. Wer kennt nicht das pausenlose Gebimmel von Erinnerungstönen am Handy, die einen unnachgiebig dazu antreiben, endlich zum nächsten Termin aufzubrechen, zu dem man eigentlich schon vor 10 Minuten hätte losfahren sollen. Das vertraute Gespräch mit dem gegenübersitzenden Menschen wird abgebrochen. Eigentlich wäre es noch schön und wichtig, weiterzusprechen. Aber das Handy belehrt uns darüber, was nun auf der Tagesordnung steht: 13.15 Uhr – Projektgruppen Meeting. Also los los.

Kürzlich las ich einen schönen Spruch: „Als Gott die Welt erschuf, gab er den Afrikanern die Zeit und den Europäern die Uhr.“ Das bringt es auf den Punkt. Zeitmangel ist kein menschliches sondern ein gesellschaftliches Problem. Wir haben verlernt zu unterscheiden zwischen Dringendem und Wichtigem. Wir versuchen unsere Zeit zu optimieren, anstatt sie zu nutzen. Schreiben Sie sich doch jetzt grade mal alle dringenden Aufgaben auf, die Sie heute oder in den nächsten paar Tagen unbedingt zu erledigen haben. Und dann schreiben Sie sich daneben alle wirklich wichtigen Dinge auf, die Sie unbedingt gerne mal tun würden, wenn die Zeit dafür nur da wäre.
Fällt Ihnen was auf? Dringendes machen wir meist für andere, Wichtiges wäre oft für uns selbst. Den Sohn zum Training fahren und wieder abholen, das Protokoll für den Verein fertigstellen, dem Chef die Dokumentation vorbereiten, für die Familie kochen, den Anzug des Ehemannes in die Reinigung bringen und natürlich auch noch die fünf Kunden zurückrufen, die auf neue Updates warten.

Verstehen Sie mich bitte richtig: An diesen dringenden Aufgaben ist nichts negativ. Sie sind aber eben ausschließlich nur dafür da, um die Erwartungen und Wünsche anderer Menschen zu erfüllen. Doch was ist mit Ihrem Yoga-Kurs, den Sie schon lange machen wollten? Was ist mit der Tennisstunde die Sie mit Ihrem Kumpel schon seit sechs Monaten von Mal zu Mal verschieben? Was ist mit dem neuen Buch, das Sie vor fünf Wochen so begeistert und voller Vorfreude gekauft haben und das seitdem aber immer noch ungelesen auf Ihrem Nachtkästchen liegt? Was ist mit dem zweiwöchigen Traumurlaub am Strand, den Sie sich schon seit Jahren planen ohne ihn zu buchen? Und was ist eigentlich mit all Ihren Freunden und Bekannten, die Sie früher jede Woche getroffen haben und es jetzt keine fünf Mal im Jahr mehr schaffen, weil eben keine Zeit dafür da ist?! Ist das alles wirklich ein Beweis für Zeitmangel, oder nicht eher ein Beweis dafür, dass man ehrlich gesagt falsch lebt und die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse an die „dringende Erwartungen“ von außen abgegeben hat?

Zeitmangel adé – Was „Ich habe keine Zeit“ in Wirklichkeit heißt

1.: Zeitmangel gibt es nicht. Prioritätenmangel dafür umso mehr.
Keine Zeit für etwas zu haben, ist nichts anderes als eine verschlüsselte Botschaft für die Wahrheit: „Es ist mir nicht wichtig genug.“ Nehmen wir doch mal ein Beispiel: Manche Leute kommen zu mir und sagen: „Ich würde so gerne an Ihrer Seminarwoche, den Inspirationstagen, teilnehmen. Aber ich habe da einfach keine Zeit.“ Was wäre, wenn ich diesen Personen schriftlich garantieren würde, dass Sie 100.000 Euro geschenkt bekommen, wenn sie kämen? Jeder würde sagen: „Okay, dann komme ich doch. Wo muss ich unterschreiben?“

Keine Zeit zu haben ist immer eine Ausrede. Menschen haben nicht „keine Zeit“, sondern keine klaren Prioritäten. Jeder Mensch hat täglich 24 Stunden Zeit. Es gibt keinen Zeitmangel. Denn es ist ja auch Zeit für die Daily Soap, das ständige Facebooken und Email-checken, SMS schreiben, die Autopflege, das Fußballwochenende mit den Kumpels, die Raucherpausen im Büro usw.. Die Frage ist also nicht: „Haben Sie dafür Zeit?“, sondern: „Ist es Ihnen wichtig genug?“
Wenn Sie mit jemandem sprechen wollen und der Ihnen zum wiederholten Male sagt, dass er dafür jetzt leider keine Zeit hat, dann können Sie mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass Sie bzw. das gemeinsame Gespräch, dieser Person nicht besonders wichtig ist. In der Prioritätenliste dieses Menschen sind Sie ganz einfach unter den Top 10 – Punkt aus. Die Konsequenzen die Sie daraus ziehen, müssen Sie selbst entscheiden. Entweder Sie machen denjenigen auf seine mangelhaften Prioritäten aufmerksam, oder Sie haken den Kontakt ab. Denn Sie sollten sich nicht für Menschen interessieren, die kein Interesse an Ihnen haben.

2.: Chronischer Zeitmangel entsteht durch Bequemlichkeit
Auch wenn es sich vielleicht im ersten Moment komisch anhört, aber die Wahrheit lautet: Wer dauerhaft (!) unter Zeitmangel und Stress leidet, hat dies durch seine eigene Faulheit bzw. Bequemlichkeit verursacht. Warum? Weil es ein Leichtes ist, seine Zeit zu verplanen und seinen Terminkalender von morgens bis abends zu füllen. Sehr viel anspruchsvoller ist es, klare Prioritäten zu setzen, den Termin- und Aufgabendschungel klar zu strukturieren, zu vereinfachen und für Zeitpolster zu sorgen. Wer einigermaßen ambitionierte Ziele im Leben hat, muss sich mit Sicherheit nicht anstrengen, um von morgens bis abends unterwegs sein zu können. Langweilig wird es nur Menschen ohne Ziel und Plan im Leben.
Doch nur diejenigen, die mit Fleiß und Engagement ihren gut gefüllten Terminkalender bereinigen bzw. entschleunigen, versinken auf Dauer gesehen nicht in Chaos und Hektik. Stress zu haben ist keine Kunst – das schaffen auch Faultiere. Stress zu vermeiden und Zeit für das Wichtige anstatt nur für das Dringende zu haben, beweist Fleiß, Übersicht und Weitblick.

Wer stets so gut wie keine Zeit hat, offenbart lediglich seine fehlende Verantwortung für sich selbst oder seine fehlende Wertschätzung für das Wichtige (oder die wichtigen Menschen) im Leben. Wer sich Zeit nimmt, beweist hingegen wahre Größe, klares Wertebewusstsein und Organisationstalent. Für ein glückliches und gesundes Leben ist dies die Basis. Denn wie sagte Sebastian Kneipp schon seinerzeit: „Wer sich heute keine Zeit für seine Gesundheit nimmt, wird sich später sehr viel Zeit für seine Krankheiten nehmen müssen“.
Was ist Ihnen also wirklich wichtig? Entscheiden Sie sich jetzt neu!

Ein Gedanke zu „Unsere beliebtesten Ausreden – Teil 1: Zeitmangel

  1. Zeitarmut wird zu einer neuen Form der multidimensionalen Armut. Und diese Zeitwährung bzw. Zeitinsolvenz geht so ziemlich eindeutig dann auch mit psychischen Störungen wie Burnout oder Depressionen einher.

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