Warum Schiedsrichter durch technische Hilfen allgemein besser pfeifen würden

Die Diskussion um den Einsatz technischer Hilfsmittel im Profifußball dreht sich im Kreis. Seit dem Phantom-Tor von Stefan Kiesling im Bundesligaspiel gegen die TG Hoffenheim, ist das Feuer rund um Tatsachen- und Fehlentscheidungen und deren Folgen wieder entfacht. Als Mentaltrainer betrachte ich das ganze Thema weniger aus technischer, sondern mehr aus sportpsychologischer Sicht, und komme zu einem klaren Ergebnis: Technische Hilfsmittel würden die grundsätzliche Leistungsfähigkeit von Schiedsrichtern positiv beeinflussen.

Die öffentliche Diskussion um technische Hilfsmittel im Profifußball geht aus meiner Sicht am eigentlichen Kernthema vorbei. Es geht bei den Fragen um Video-Beweise oder den Chip im Ball weniger darum, dass einem Schiedsrichter in diesen Fällen die Entscheidungen durch die Technik abgenommen und somit Fehlentscheidungen ausgeschlossen werden. Mit Verlaub, aber wie häufig kommt es vor, dass ein Ball durch ein gerissenes Netz seitlich ins Tor kullert und dennoch als Treffer gegeben wird? Und wie oft kommt ein Wembley-Tor vor, wo der Ball klar hinter der Linie war, aber vom Schiedsrichter nicht als Treffer gezählt wird? Manchmal dauert es viele Jahre, bis sich ein einziges Mal ein solcher Vorfall ereignet. Wenn es nur um diese höchst seltenen Ereignisse ginge wäre es unverhältnismäßig, die aufwendige und sehr kostenintensive Technik für Schiedsrichter einzuführen. Der wirkliche Nutzen der technischen Hilfen liegt nicht in der Optimierung von seltenen Einzelentscheidungen, sondern in einer viel grundsätzlicheren Thematik.

Spätestens seit dem schockierenden Selbstmordversuch des Profi-Schiedsrichters Babak Rafati im Jahr 2011 wurde offenkundig, welch enormem Druck Schiedsrichter ausgesetzt sind. Die Sportarten werden immer schneller und der finanzielle, soziale und somit emotionale Druck durch Sponsoren, Medien, Vereine, Spieler und Fans steigt dadurch immer mehr an. Dieser Druck wirkt sich ununterbrochen auf die Leistungsfähigkeit eines Schiedsrichters aus. Sie kennen das sicher auch aus Ihrem persönlichen Leben: Druck an sich ist nicht schädlich, sondern leistungssteigernd – bis zu einem gewissen Punkt. Und dann, wenn der Druck diese magische Grenze übersteigt und zu groß wird, zerstört er die Leistungsfähigkeit oftmals in kürzester Zeit extrem. Aus meiner Coachingerfahrung mit zahlreichen Topleuten in der Wirtschaft sowie mit Hochleistungssportlern, kann ich Ihnen versichern: Der Unterschied vom Topleister zum Burnout-Patienten ist oftmals nur ein kleiner Schritt. Aus diesem Grund möchte ich betonen, dass es bei der technischen Unterstützung des professionellen Schiedsrichters nicht darum geht, einzelne Entscheidungen noch besser zu treffen. Es geht vielmehr darum, die grundsätzliche Leistungsfähigkeit der Schiedsrichter und somit die gesamte Qualität des Fußballs zu verbessern.

Der Schiedsrichter ist es, der dem größten Druck während eines Fußballspiels ausgesetzt ist. Sein Herz schlägt über 90 oder sogar 120 Minuten im Durchschnitt über 150 Mal in der Minute. Die Pulsfrequenz ist bei ihm über die Dauer des Spiels oftmals höher, wie die der Spieler selbst. Während dieser starken körperlichen Belastung muss er unzählige schwierige Entscheidungen treffen, die mit dem Auge gar nicht mehr wirklich wahrgenommen werden können. Wenn zu dieser Belastung nun zusätzlich noch weitere extreme mentale Belastungen hinzukommen, ist jeder Mensch irgendwann an einer Grenze angelangt. Daher muss es im Interesse des Sports sein, die mentale Belastung der Schiedsrichter auf einem Level zu stabilisieren, das noch ertragbar ist und Spitzenleistungen möglich macht.

Schiedsrichter werden ständig manipuliert

Hinzu kommt, dass Schiedsrichter mit Hilfe ihrer Assistenten das Spiel in fairen und regelgerechten Bahnen halten sollen, obwohl ihnen das ständig von allen Seiten gezielt erschwert wird. Schiedsrichter sollen für die Fairness sorgen, die viele andere auf dem Platz konsequent – ob bewusst oder unbewusst – mit Füßen treten. Ob Schwalben, versteckte Fouls, Forderungen von Spielern nach einem Eckball, Freistoß oder Elfmeter (obwohl der Spieler oft genau weiß, dass er im Unrecht ist), oder auch sonstige „Betrugsversuche“: Der Schiedsrichter ist fast durchgehend Manipulationen von allen Seiten ausgesetzt. Diese sind zwar menschlich nachvollziehbar, aber sportlich meistens alles andere als korrekt.
Wenn man heute Trainingseinheiten von halbwegs professionellen Kinder- und Jugendmannschaften im Fußball verfolgt, sieht man genau, was viele Profis der Jugend vorleben. Nicht selten windet sich der 12-jährige Nachwuchskicker (oder besser Nachwuchsschauspieler) für mehere Minuten im Strafraum (in der Hoffnung auf einen Pfiff des Schiris), nachdem er von seinem Mannschaftskollegen leicht am Trikot gezogen wurde. Erst vor kurzem hatte ich ein Coaching mit einem hoffnungsvollen deutschen Nachwuchstalent (13 Jahre), der in einem großen deutschen Fußballclub spielt. Ich fragte ihn: „Und was habt ihr heute trainiert?“ Seine Antwort: „Wie man sich hinfallen lässt, ohne dass der Schiedsrichter checkt, dass es eine Schwalbe war.“ Ob das mit den Werten des Sports nun vereinbar ist oder nicht – Fakt ist: Die gezielte Schiedsrichtermanipulation ist Teil der Ausbildung und des Trainings von Nachwuchssportlern, Punkt.

Wenn man nun bedenkt, welchen Einflussfaktoren ein Schiedsrichter über die gesamte Dauer eines Spiels ausgesetzt ist, erscheint die Erwartung, dass er in jeder Sekunde die objektiv richtige Entscheidung zu treffen hat, fast absurd. Natürlich: Fehler machen ist menschlich und verzeihlich. Und dennoch wird wochen-, manchmal jahrelang darüber diskutiert. Aus sportpsychologischer Sicht ein absolutes Unding für diejenigen, die an den Pranger gestellt werden.

Wer technische Hilfe ablehnt, schadet der Qualität des Sports

In vielen anderen Sportarten sind technische Hilfsmittel als Unterstützung und Schutz für den Schiedsrichter gang und gebe. Die Sportler in den betreffenden Sportarten sind froh um die Technik und die Sportart profitiert enorm von deutlich weniger Diskussionen, Beschimpfungen und Streitereien. Dafür gibt es mehr guten Sport – worum es ursprünglich doch mal ging, oder?
Nehmen Sie als Beispiel die beste Eishockeyliga der Welt, die NHL in Amerika. Dort gibt es bereits seit sehr vielen Jahren eine Torkamera, die dem Schiedsrichter hilft. Oder im Tennis beispielsweise wurde vor einigen Jahren bei den großen Turnieren das sogeannte „Hawk Eye“ eingeführt, welches auf digitaler Basis mit Hilfe einer Grafik innerhalb von Sekunden anzeigen kann, ob ein vom Spieler angezweifelter Ball wirklich im Aus war oder eben nicht. Endlosdiskussionen und Zwergenaufstände wie sie seinerzeit John McEnroe mit dem Stuhlschiedsrichter aufgeführt hat, gehören seitdem endgültig der Vergangenheit an. Geholfen hat dies beiden Seiten, den Schiedsrichtern und den Sportlern. Spieler wie Roger Federer möchten nach eigener Aussage die technische Hilfsmöglichkeit auf keinen Fall mehr missen. Verständlich, denn Menschen mit Charakter sind froh, wenn die Dinge fair und friedlich ablaufen.

Daher sollten die Verantwortlichen des Profifußballs endlich „ja“ zu den technischen Hilfsmitteln sagen, um die Schiedsrichter zumindest von dieser mentalen Last zu befreien. Das würde sich nicht nur erleichternd auf deren Gemüt auswirken, es würde zusätzlich dazu führen, dass sie sich den vielen anderen Aufgaben, die sie auf dem Platz haben – und das sind weiß Gott viele – intensiver und damit auch besser widmen könnten. Die Qualität ihrer Arbeit und die des gesamten Fußballspiels steigt, was wiederum die gesamte Sportart aufwertet. Das käme nicht nur den Sportlern und Fans, sondern vor allem den Vereinen, Verbänden und am Ende gesamten Sportart an sich zu Gute.

2 Gedanken zu „Warum Schiedsrichter durch technische Hilfen allgemein besser pfeifen würden

  1. Guten Tag, ich habe eine Frage zu den Quellen ihres Artikels, woher haben Sie die Daten über die Herzfrequenz der Schiedsrichter?
    Über eine kurze Antwort per Mail würde ich mich freuen,
    mit freundlichen Grüßen
    Marius Dahl

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