Zukunft & Morgen gibt es nicht!

Wissen Sie schon, was Sie morgen oder in Zukunft machen? Wenn ja, dann kennen Sie vielleicht ja auch die moderne Volkskrankheit „Aufschieberitis“? Sehr viele Menschen leiden an ihr. Der Krankheitsverlauf ist meist schleichend, der Leidensdruck steigt stetig an – und doch endet diese Krankheit trotz allen Leids nie tödlich. Vielmehr beendet häufig der Tod diese Krankheit, und somit auch all das, was man in seinem Leben vor sich hergeschoben und nicht angeganen hat. Dabei könnte die Heilung dieser Krankheit sehr schnell erfolgen und benötigt weder Medizin noch Therapie. Nebenwirkungen im Heilungsprozess sind die Regel – ja sie sind sogar erwünscht.

Eine der großartigen Fähigkeiten des menschlichen Bewusstseins ist es, gedanklich in die Vergangenheit sowie in die Zukunft reisen zu können. Genau diese Eigenschaft unseres Verstandes unterscheidet uns von der Tierwelt und ermöglicht es uns, begangene Fehler zu analysieren und die daraus resultierenden Erkenntnisse in unsere Zukunftsplanung sinnvoll mit einzubauen. Das Ganze hat allerdings auch den gravierenden Nachteil, dass wir vieles bewusst in die Zukunft (ver)schieben, was eigentlich heute gemacht werden sollte. Bei den täglichen To-do´s am Arbeitsplatz ist das bereits schon unangenehm, denn auf diese Weise schaffen es täglich tausende von Mitarbeitern in ganz Deutschland, ihre Energie zu zerstören, indem sie die unangenehmen Telefongespräche des Tages hinten anstellen, nur um am Ende das Gespräch im Terminkalender auf den nächsten Tag zu übertragen. Das schlechte Gefühl überträgt man dabei natürlich mit.

Viel dramatischer wird das Ganze allerdings dann aber noch, wenn wir beginnen, unsere inneren Wünsche, Träume und Bedürfnisse in die Zukunft zu verschieben. An dieser Stelle geben wir sprichwörtlich den Löffel ab. Denn wer nicht nach eigenen Wünschen und Vorstellungen lebt, der lebt nach den Wünschen und Vorstellungen anderer. Und wer keine eigenen Ziele verfolgt, wird von anderen für die Verfolgung ihrer Ziele benutzt. Das Resultat ist, dass wir ein Leben leben, das gar nicht unser Leben ist, sondern welches nur nach den Vorstellungen von anderen abläuft.
Klingt Ihnen das zu hart? Denken Sie jetzt: „Und das soll alles nur darauf basieren, weil wir ab und zu Dinge erst morgen machen, die wir heute machen könnten?“ Genau so ist es! Gerne erkläre ich Ihnen meine Haltung dazu etwas näher.

Freibier gibts morgen

Um Sie gleich zu Beginn zu schockieren, hier mein Satz des Tages für Sie: „Zukunft“ gibt es nicht! Und ich setze noch einen drauf:Morgen“ gibt es genau so wenig!
Nein, das ist kein Scherz. Vielleicht entgegnen Sie jetzt: „Ja aber morgen kommt doch! Ich weiß doch heute, dass morgen morgen sein wird.“ Ach ja? Wissen Sie das? Die Frage ist nur: Für wen? Für Sie? Ich wünsche es Ihnen! Aber können Sie mir bzw. sich selbst das jetzt beweisen oder garantieren?
Der Punkt ist: Für viele unter uns, wird es (voraussichtlich) ein Morgen geben. Aber wer von uns weiß, für wen? Das Einzige was wir sicher wissen ist, dass wir JETZT gerade leben. Das ist Fakt. Ich denke, also bin ich. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass Zukunft nichts real Existentes ist, sondern nur ein Spiel unseres Bewusstseins. Es ist einfach nur eine Annahme (Prognose) dessen, was wir uns heute vorstellen können, was wahrscheinlich in ein paar Stunden, Tagen oder Wochen passieren wird/könnte/müsste/sollte. Wahrsagerei im Grunde. Doch wer der Wahrheit ins Auge blickt, muss feststellen: Morgen ist eigentlich nie.

Aufschieberitis-Mentalität führt in die Irre

Diese aberwitzige Fehlhaltung der Menschen, gedanklich immer nur an die Zukunft zu denken und eher im Morgen als im Hier und Jetzt zu leben, hat sich schon so mancher Kneipenwirt raffiniert zu Nutze gemacht. In nicht wenigen Kneipen steht ein Schild mit der Aufschrift: „Freibier gibts morgen.“ Hier ein paar Beweisfotos (1 | 2 | 3 ) – denn ich kann Ihnen ja viel erzählen.

Es gibt regelmäßig Gäste, die diesen „Gag“ noch nicht kennen und von der Aussicht des morgigen Freibiers begeistert sind. Am kommenden Tag torkeln sie dann wieder in die Gaststätte und fordern das Freibier vom Wirt. Dieser steht wie immer lächelnd hinter dem Tresen und deckt mit spitzbübischem Grinsen den Denkfehler in aller Kürze auf: „Nein nein meine Herren, Freibier gibts hier erst morgen. So wie es auf dem Schild steht.“
Und so warten die Gäste seit Jahren auf das Freibier – denn das Schild hängt immer noch dort und morgen war noch nie. Bisher war immer nur heute – morgen ist nie.

Aus der Geschichte lernen – Verschieben Sie nichts mehr auf morgen

Vor kurzem hörte ich von einer mir gut bekannten Kollegin eine persönliche Geschichte, die in diesem Zusammenhang die wesentliche Erkenntnis auf den Punkt bringt. Der Hintergrund der Geschichte war, dass auch sie viele Menschen kennt, die ihre Bedürfnisse mit dem typischen Satz zurückstellen: „Das mache ich später.“ Später? Hat diese Haltung denn noch viel mit Gottvertrauen zu tun oder ist sie nicht eher eine Blindheit für den jetzigen Moment? Woher wissen wir, dass es ein „Später“ geben wird?

Das Erlebnis der Kollegin, die als Schauspielerin arbeitet, hat sich in einem Altenheim in München zugetragen. Der Ort der Begebenheit war der Keller dieses Heims, in dem ein Sketch gedreht werden sollte. Der Keller war ein riesiger Raum mit sehr vielen nicht aufeinander abgestimmten Möbeln, die kreuz und quer in der Gegend herumstanden – Sessel, Tische, kleine Nachtkästchen usw.. Zwischen all diesen Möbeln standen unzählig viele blaue Müllsäcke. Beim genaueren Betrachten der Müllsäcke konnte man sehen, dass auf jedem dieser Säcke ein kleiner, von irgendeinem Schulblock lieblos abgerissener Zettel klebte. Auf jedem dieser Zettel stand ein Name und ein Datum – das Todesdatum der entsprechenden Person. Der Text auf einem dieser Zettel lautete: „Petra Wimmer, verstorben am 22.07.2012“. In der zweiten Zeile darunter stand: „Entsorgung September 2012“.
In diesen Säcken lagen also die letzten Habseligkeiten sowie die letzten Kleidungsstücke der verstorbenen Bewohner dieses Altenheims. Die Gegenstände warteten auf die Abholung durch Verwandte oder Freunde der verstorbenen Person….und sie warteten darauf oft sehr sehr lange. Zum einen, weil es ab und zu einfach keine Verwandten oder Freunde gab, oder weil es niemanden gab der sich für die Abholung bzw. für die verstorbene Person interessierte. Und so warteten die blauen Müllsäcke oft vergeblich, bis zum Ablaufdatum. Der Anblick dieser endlos vielen, nicht abgeholten Säcke war beeindruckend und bedrückend zugleich. Die Endlichkeit unserer Zeit wurde in diesem Raum mehr als deutlich. Die Quintessenz eines ganzen langen Lebens – am Ende zusammengefasst in einem einzigen kleinen blauen Müllsack. Auf manchen dieser Müllsäcke lag noch ein Stofftier – sichtbar abgenutzt und vom kuscheln ganz zerfleddert. Auf anderen Säcken lag angefangenes Strickzeug und auf wieder anderen lag ein Kinderbild – wahrscheinlich von einem der Enkelkinder der verstorbenen Person.
Der Blick auf diese Szenerie in dem dunklen, fensterlosen Raum, mit all den vergessenen Müllsäcken machte sehr nachdenklich. Kein Mensch will alleine sterben, mit dem Wissen, dass das Einzige was von einem übrig bleibt, ein blauer Müllsack ist, der keinen interessiert. Unsere Zeit, um unser Leben mit anderen Menschen zu teilen, die sich vielleicht auch noch für uns interessieren, nachdem unser Herz aufgehört hat zu schlagen, ist begrenzt! Unsere Zeit mit anderen, können wir nicht morgen teilen, sondern nur heute. Und auch unsere Träume und Ziele können wir nicht morgen umsetzen, sondern wir müssen heute dafür aktiv werden.

Die Erkenntnis aus diesem eindrucksvollen Erlebnis im Altenheim ist: „Schiebe nicht mehr soviel auf!“ Wenn man zu lange auf den Moment wartet, in dem man könnte, verpasst man oft den Moment, in dem man kann.
Welche Länder wollen Sie noch bereisen? Welche Menschen wollen Sie mal wieder sprechen oder treffen? Welche Träume hatten Sie als Kind und wurden dann von Ihnen auf die Seite geschoben, um ein vernünftiges Leben zu leben? Wie lange haben Sie schon nichts mehr mit Ihrer Familie, mit Ihrem besten Freund oder Ihrer besten Freundin unternommen, weil alles andere wichtiger war?

Ich selbst habe einen sehr guten väterlichen Freund – er könnte mein Großvater sein. Seit meiner Jugend, habe ich diesen Mann verehrt. Ich hätte niemals gedacht, dass mir das Leben die Chance bietet, ihn jemals persönlich treffen zu können. Für einige Jahre habe ich fast jede freie Minute mit seinen Büchern, Kassetten oder Videos verbracht und habe davon geträumt, wie es wäre, ihm einmal persönlich eine Frage stellen zu können.
Vor einigen Jahren hat mir das Leben die Chance zu diesem persönlichen Kennenlernen geboten. Seitdem sind wir persönlich eng miteinander befreundet. Doch welche Tendenz habe ich heute, wenn er mich fragt, wann ich ihn wieder einmal besuche? „Oh ja…hmmm….muss ich mal schauen wann ich wieder in Deiner Gegend bin. Ich habe ja so wenig Zeit und immer soviel zu tun.“ Wissen Sie was? Das ist Bullshit!! Mit solchen Sätzen bescheisst man sich selbst! Früher wäre ich die 250 Kilometer bis zu ihm zu Fuß gegangen. Und heute wenn ER mich fragt, ob ICH Zeit habe, da er mir einen Teil seiner Lebenszeit schenken will, sage ich, dass ich keine Zeit habe um ihn zu besuchen? Nein, so soll mein Leben nicht aussehen. Ich verschiebe nicht mehr soviel auf später. Vielleicht gibt es kein später. Und ich will nicht, dass auf mich eines Tages der bewegende Satz zutrifft, den ich vor kurzem gelesen habe: „An den Gräbern der meisten Menschen, trauert tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben.“
Ich will nicht dass es mir so geht. Und ich wünsche Ihnen, dass es auch Ihnen niemals so gehen mag. Schieben Sie nichts mehr auf auf morgen.

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