Die Marshmallow-Test Lüge

Die Lüge vom Marshmallow-Test

Die Lüge vom Marshmallow-Test – Warum Fähigkeiten nicht angeboren sind

Sicher kennen Sie den legendären Marshmallow-Test. Durch diesen Test entstand eine seit Jahrzehnten von vielen Kollegen häufig zitierte Studie, die scheinbar bewies, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle nicht nur ein Indikator für Erfolg ist, sondern Menschen mit dieser Fähigkeit geboren werden – oder eben auch nicht. Mittlerweile ist man Gott sei Dank schlauer. Es ist bewiesen, dass unser Umfeld und unsere Erfahrungen für die Entwicklung solcher Fähigkeiten mindestens genau so wichtig sind. Angeboren ist wahrscheinlich nur der Wunsch des Menschen, seine Verantwortung für das eigene Leben an solche Studienergebnisse wie den Marshmallow-Test abgeben zu können.

Falls Sie den Marshmallow-Test nicht kennen sollten, fasse ich Ihnen das Wesentliche nun kurz zusammen:
Ab 1968 ging der Psychologe Walter Mischel regelmäßig in eine Vorschule in Stanford. Sechs Jahre lang machte er knapp 700 Kindern ein verlockendes Angebot: Sie konnten einen süßen Marshmallow entweder sofort verputzen, oder ein paar Minuten warten. Mischel sagte den Kindern, dass er für ein paar Minuten den Raum verlässt und sie zur Belohnung einen zweiten Marshmallow bekommen, wenn sie ihn noch nicht aufgegessen haben, bis er wieder in den Raum zurück kommt. Wird der Marshmallow in der Zeit von den Kindern ganz oder auch nur teilweise gegessen, gibt es keine Belohnung.

Das Ergebnis von Mischels Originalstudie war nicht sonderlich faszinierend: Manche Kinder konnten warten, andere nicht. Vor allem war ihre Geduld davon abhängig, ob sie sich währenddessen auf die Belohnung konzentrierten oder nicht. Doch etwa zehn Jahre später, als aus den Kindern bereits Jugendliche geworden waren, kontaktierte Mischel für eine zweite Studie ihre Eltern. Und dabei stieß er auf einen erstaunlichen Zusammenhang.
Die Kinder, die damals sofort einen Marshmallow haben wollten, wurden als stur, ungeduldig und neidisch bezeichnet. Sie waren offensichtlich emotional instabiler und hatten in der Schule schlechtere Noten, ganz unabhängig von ihrer Intelligenz. Die beim Marshmallow-Test geduldigen Kinder hingegen waren stressresistenter, sozial kompetent und deutlich zuverlässiger. Vor allem waren sie dazu in der Lage, eine Belohnung aufzuschieben, wenn sie dadurch ihren Zielen näher kamen.

Die Schlussfolgerung aus diesem Marshmallow-Test war, dass die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub nicht nur ein Indiz für Willensstärke, sondern offenbar auch eine Erfolgseigenschaft ist. Soweit so gut. Doch jetzt kam der Fehler in Mischels Schlussfolgerung. Diese Fähigkeit für Geduld und Belohnungsaufschub, bilde sich bereits in den ersten Lebensjahren heraus und ist sozusagen angeboren. Ein großer Irrtum, wie sich viele Jahre später herausstellte.

Wie man den Marshmallow-Test manipulieren kann

Vor einigen Jahren arbeitete Celeste Kidd in einem Heim für obdachlose Familien im kalifornischen Santa Ana. Dort lebten zahlreiche Kinder mit ihren Eltern, alle auf engstem Raum, ohne viele Habseligkeiten. Kidd las damals von Mischels Marshmallow-Studien und war der festen Überzegung, dass ihre „Problemkinder“ den Marshmallow-Test keinesfalls bestehen würden und die Süßigkeit sofort aufessen würden. Je länger sie ihre Heimkinder beobachtete, desto mehr bezweifelte sie, ob der Marshmallow-Test wirklich aufdecken konnte, ob diese oder auch andere Fähigkeiten grundsätzlich angeboren waren. Wenn Kinder es gewohnt seien, dass man ihnen ständig ihre Sachen wegnehme, dann wäre es eine tiefgreifend emotionale Entscheidung, eben nicht auf noch bessere Zeiten und eine größere Belohnung zu warten, sondern lieber gleich das zu nehmen, was einem sicher ist.
Als Doktorandin der Universität von Rochester ging Kidd ihrem Gedanken nach. In einer zusammen mit ihrem Doktorvater Richard Aslin initiierten neuen Studie kam sie zu dem Ergebnis: Ob ein Kind den Marshmallow sofort verputzt oder auf einen zweiten wartet, kann von den Versuchsleitern manipuliert werden.

Kidd teilte für ihren Versuch rund 30 Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren in zwei Gruppen. Alle sollten mit Stiften einen weißen Aufkleber bemalen, der später einen Trinkbecher schmücken sollte. Die Kinder von Gruppe A bekamen nun eine Dose mit gebrauchten Wachsmalstiften überreicht. Doch Kidd versprach, dass sie mal kurz aus dem Raum gehen werde, um neue und bessere Stifte zu holen. Wenige Minuten später kam sie wieder, mit einer breiten Palette frischer Stifte. Nun legte sie einen kleinen Aufkleber auf den Tisch und sagte den Kindern, dass sie rasch noch mal schönere Aufkleber holen werde. Wenig später kehrte sie mit einer großen Auswahl von Aufklebern zurück.
Den Kindern von Gruppe B versprach sie ebenfalls bessere Stifte und bessere Aufkleber. Allerdings hielt sie sich nicht dran. Jedes Mal kehrte sie wieder zurück und entschuldigte sich bei den Kleinen. Sie habe einen Fehler gemacht, es seien weder neue Stifte noch neue Aufkleber vorhanden. Mit anderen Worten: Die Kinder von Gruppe B wurden wiederholt enttäuscht. Im anschließenden neuen Marshmallow-Test zeigten diese Erfahrungen ihre Wirkung.

Wie damals bei Walter Mischel konnten alle Kinder entweder einen Marshmallow sofort essen oder auf einen zweiten warten. Doch die beiden Gruppen unterschieden sich in puncto Selbstherrschung ganz erheblich. Gruppe A wartete im Schnitt immerhin zwölf Minuten bis sie den Marshmallow doch anknabberten. Gruppe B hingegen gab ihren Impulsen schon nach drei Minuten nach.
Doch das war noch nicht alles: Immerhin neun Kinder von Gruppe A warteten 15 Minuten und rührten die Süßigkeit gar nicht an. In Gruppe B schaffte das nur ein Kind.

Verhalten ist nicht angeboren, sondern wird erlernt

Was Kidds manipulierter Marshmallow-Test klar beweist ist, dass die Fähigkeit von Kindern zum Belohnungsaufschub, erheblich von ihrer Umgebung bzw. von ihren Erfahrungen beeinflusst wird. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Was lernen wir daraus? Selbstkontrolle ist gut und schön, doch wenn sie für einen Menschen sinn- und wertlos erscheint, wird sie vernachlässigt.
Mit einer grundsätzlich mangelnden, nicht angeborenen Fähigkeit, hat all dies nicht viel zu tun. Menschen kommen nicht mit bestimmten Verhaltensweisen auf die Welt, sondern sie erlernen sie. Natürlich gibt es grundlegende Tendenzen, die durch die Ausprägung der individuellen Emotionssystem im menschlichen Gehirn bereits kurz nach der Geburt festgelegt sind. Doch welche Verhaltensmuster und Fähigkeiten sich in der Folge daraus entwickeln, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.

Menschliche Verhaltensweisen und Charakterzüge sind zu einem wesentlichen Teil das Produkt bisheriger Erfahrungen. Auch Charakter ist nichts angeborenes, sondern eine psychische Gewohnheit. Wenn wir den Charaker oder das Verhalten von andern Menschen bzw. auch uns selbst verändern wollen, so ist dies sehr wohl möglich, auch wenn viele dafür gerne die Verantwortung mit der Begründung abgeben würden, man sei halt nun mal nicht dafür geboren.
Negative Charakterzüge und Verhaltensweisen verändert man nachhaltig niemals durch Belehrung, Zwang, Druck oder Belohnungsversprechungen. Vielmehr geht es um den Aufbau einer ehrlichen und vertrauensvollen Beziehungsebene zu dem betreffenden Menschen. Nur auf dieser Basis besteht die Möglichkeit, dass diese Person nochmal neue und günstigere Erfahrungen macht als bisher. Allerdings wird sich ein Mensch auf neue Erfahrungen langfristig gesehen nicht durch gemachte Versprechungen einlassen, sondern durch entwickeltes Vertrauen. Wenn Menschen einander vertrauen, öffnen sie sich und sind in der Lage ihren Erfahrungshorizont so zu erweitern, dass auch neue (nicht angeborene) Fähigkeiten entfaltet werden können, die zuvor noch nicht erkennbar waren.

Was bedeutet das für Sie? Wenn Sie das Verhalten eines Menschen positiv beeinflussen wollen, dann sorgen Sie für positivere zwischenmenschliche Erfahrungen dieser Person im Bezug auf den Kontakt mit Ihnen. Wenn der Marshmallow-Test für eine Sache gut war, dann dafür, dass wir gelernt haben, dass die Grundlagen für Erfolg keine Frage von angeborenen Fähigkeiten sind, sondern dass die Entwicklung vieler Fähigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar ist.

3 Gedanken zu „Die Marshmallow-Test Lüge

  1. Lustig… ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema Belohnungsaufschub bzw. Willenskraft. Habe gut ein dutzend Bücher gelesen, in denen der MM-Test angeführt wird.
    Dass bei den Kindern was „angeboren“ sein soll, lese ich aber grade zum ersten Mal.

    • das stimmt. Mischel sagt sogar ausdrücklich, dass dieses Verhalten von Vor-Erfahrungen und Vertrauen in das angekündigte Verhalten des Versuchsleiters abhängig ist. Und Erfahrungen werden erlernt.

  2. Walter Mischel behauptet auch nicht, dass diese Fähigkeiten angeboren sind. Im Gegenteil, zeigen auch seine Forschungen Mittel und Wege, wie man sich so etwas antrainieren kann.

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