Unsere zwei größten Fehlreaktionen auf Geschenke

Menschen sind größtenteils unfähig im Umgang mit Geschenken. Ganz gleich ob es sich um materielle Geschenke, Wortgeschenke oder jede sonstige Art von Geschenken handelt. Erhalten sie ein Geschenk, und sei es nur ein Lob, reagieren sie meist mit einer „Revanche“ an den Schenkenden, was die Entwicklung echter Glücksgefühle stark blockiert. Eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens war für mich: Wenn ich beschenkt werde, ist es nicht meine Aufgabe zurückzuschenken, sondern weiterzuschenken. Heute zeige ich Dir die zwei größten Fehlreaktionen von Menschen, auf Geschenke.

Reaktion Nr. 1: Das Geschenk wird nicht wirklich angenommen.

Ein Geschenk wirklich annehmen zu können, ist vielleicht das Schwierigste für viele Leute. Weißt Du warum? Weil ein Geschenk von jemandem automatisch das Scheinwerferlicht auf unseren eigenen Selbstwert richtet. Und dieser Selbstwert ist bei den meisten Leuten nicht allzu hoch. Wer sich selbst, sein Verhalten oder seine Eigenschaften nicht besonders mag, empfindet sich auch selbst nicht für wertvoll. Bekommt man dann von einem Mitmenschen ein werthaltiges Geschenk (egal ob materiell oder ideell), so wird der Wert dieser Geste sowie auch der Wert des Geschenks an sich, sofort in Relation zum gefühlten eigenen Selbstwert gesetzt. Und dann beschleicht so manchen ein schlechtes Gefühl, ganz nach dem Motto: „Ach komm schon, das hab ich doch gar nicht verdient. Das kann ich ja nicht annehmen, bist Du verrückt?“

Dieses Phänomen ist besonders auch bei Komplimenten zu beobachten. Nur die Wenigsten können diese wertschätzenden Wortgeschenke wirklich komplett ohne Scham oder ein gewisses inneres Unwohlsein annehmen. Achte mal in Deinem Umfeld darauf, wie die Empfänger von Komplimenten oftmals damit umgehen:
Variante 1: Das Kompliment wird heruntergespielt: „Ach war doch nicht der Rede wert!“; „Naja, das war ja jetzt nichts besonderes.“
Variante 2: Das Kompliment wird abgewiesen: „Nein nein, ich sehe furchtbar aus.“
Variante 3: Dem Kompliment wird eine andere Richtung gegeben: „Das sagst du ja nur, um mir eine Freude zu machen“
Variante 4: Das Kompliment wird entstellt: „Du sagst ich sehe heute gut aus? Und sonst fällt Dir nichts an mir auf?“

Komplimente und Geschenke wirklich annehmen zu lernen, ist eine sehr wichtige Lebensaufgabe für jeden Menschen. Ich kenne das selbst aus meinem Leben. Der schwerste Moment für mich in meinem Beruf als Redner auf der Bühne, war lange Zeit der Applaus vom Publikum am Ende meines Vortrags. Heute kann ich damit schon besser umgehen, doch noch vor wenigen Jahren wäre ich währenddessen am liebsten von der Bühne gelaufen. Es war mir peinlich, die Anerkennung von mehreren Menschen zu bekommen.

Ich erinnere mich noch gut, als ich das erste Mal Standing Ovations am Ende einer Firmenveranstaltung bekam. Ich hatte keine Sekunde damit gerechnet, aber plötzlich erhoben sich die Leute begeistert von ihren Stühlen und klatschten eine gefühlte Ewigkeit. Ich war komplett geschockt von soviel Anerkennung und dachte mir die ganze Zeit nur: „Mein Güte Leute, jetzt setzt Euch doch bitte wieder hin. Hört auf damit!“ Mittlerweile habe ich es gelernt, diese Momente zu genießen und ich freue mich heute über jeden Applaus und jedes Kompliment/Geschenk eines anderen Menschen. Ich konnte das nur lernen, da ich erkannte, dass dies einzig und allein an meinem eigenen Selbstwert lag, der in der Vergangenheit nicht so hoch war, wie er es hätte sein müssen. Demzufolge hatte ich auch nicht genügend Selbstvertrauen in meine Person und in meine Fähigkeiten.
Indem man lernt sich selbst wirklich anzunehmen (was ein Prozess über Jahre sein kann), erwirbt man auch die Fähigkeit, Geschenke von anderen anzunehmen und positiv „weiterzuverwerten“. Erst dann kann man auch wirklich aus vollem Herzen über längere Zeit selbst viele andere Menschen beschenken. Anders ist das unmöglich, da man immer in einem gewissen inneren Konflikt mit der Anerkennung die man bekommt steckt.

Und damit sind wir schon bei Fehlreaktion Nummer 2, die die meisten Menschen zeigen, wenn sie beschenkt werden:

Reaktion Nr. 2: Es wird zurückgeschenkt, anstatt weitergeschenkt.

Es ist immer wieder das gleiche Spiel: Kaum schenkt einem jemand etwas, schon wird überlegt: „Oh je, was schenke ich ihm/ihr denn jetzt dann am besten zurück? Wie kann ich mich revanchieren?“ Was für eine mentale und gesellschaftliche Fehlhaltung! Sie erstreckt sich über alle möglichen Bereiche: Weihnachtsgeschenke; Einladungen zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Familienfesten; Gratulationsanrufe; Urlaubskarten; Grillabende etc.. Kaum tut einem jemand etwas Gutes, so denken Menschen mit überschaubarem Selbstwertgefühl, dass sie sozusagen in der Schuld des Schenkenden stehen und dies nur mit einer Revanchierung ausgleichen können. Also gibt man das Kompliment postwendend zurück, kauft ebenfalls ein kleines (wenn auch relativ einfallsloses Geschenk) zum nächsten Geburtstag, veranstaltet eine Feier mit viel zu vielen Leuten, von denen man einige nicht halb so gut kennt wie es dafür notwendig wäre, und auch nicht halb so gerne mag, wie man Menschen mögen sollte, die man von Herzen gerne einlädt. Doch der Teufel des Schuldgefühls und Selbstzweifels halten einen auf Trab – schließlich will man ja nicht unhöflich sein, nicht wahr?

Das Hauptproblem ist dabei weniger, dass man sich selbst dadurch mehr Arbeit und Stress aufhalst als notwendig. Das wirkliche Kernproblem ist, dass durch dieses Verhalten ein wirklich zwischenmenschlicher Glücksfluss niemals in Gang gesetzt werden kann, den ein Geschenk eines Menschen wirklich auslösen könnte.
Der Film „Das Glücksprinzip“ veranschaulichte diesen Glücksfluss sehr schön: Wenn sich ein Mensch dazu entscheidet, drei Mitmenschen etwas Gutes zu tun, mit der Bitte, dieses Glücksgefühl an drei andere Menschen weiterzugeben (anstatt es dem Absender zurückzugeben), dann geschieht etwas Großartiges. Wenn dann nämlich diese drei Personen dieses Glücksgefühl jeweils an drei weitere Personen mit der gleichen Empfehlung weitergeben, wurden durch die Entscheidung für eine gute Tat von einem einzelnen Menschen schon insgesamt 12 Personen glücklich gemacht! Würde dieses Glücksprinzip weiter verfolgt, käme es zu einem unaufhaltsamen Schneeballeffekt, der theoretisch den ganzen Planeten erreichen und somit die Welt wirklich ein Stückchen besser machen könnte.

Zugegeben, das Ganze ist nur eine Theorie. Aber die Theorie beinhaltet sehr viel Wahrheit! Auch wenn das Glücksprinzip nicht eins zu eins so umgesetzt werden kann, so zeigt es dennoch den eigentlichen Sinn von Geschenken. Es geht nämlich nicht darum, eine offene Rechnung beim Schenkenden auszugleichen, sondern dankbar für das Geschenkte zu sein und diese positive Erfahrung an möglichst viele Menschen weiterzugeben, damit etwas mehr Freude und Glück um die Welt geht. Denn von solchen Gefühlen können die Menschen in unserer Gesellschaft glaube ich mehr als genug gebrauchen!

Was ist also der Handlungsauftrag für Dich, der sich aus diesen Erkenntnissen ergibt? Ganz einfach: Hör auf, Dich selbst klein zu machen und zu meinen unbedingt etwas zurückgeben zu müssen. Der Schlüssel für eine bessere Welt liegt nicht im Zurückgeben, sondern im Weitergeben! Und übrigens: Wer Dir etwas schenkt und daraufhin von Dir einen Ausgleich erwarten würde, der hat Dir gar nichts geschenkt, sondern er wollte lediglich einen Handel mit Dir eingehen. Ganz nach dem Prinzip „Wie ich dir, so du mir“. Das ist nichts Schlimmes, aber hat mit einem persönlichen Geschenk von Anerkennung oder sonstigen Dingen nichts zu tun.

Wer wirklich ehrlichen Herzens schenkt, tut dies deshalb, weil er etwas weitergeben will und nicht weil er etwas dafür zurückhaben möchte! Daher ist meine Botschaft an Dich: Gebe alles Positive was Du im Leben erfahren hast, an möglichst viele andere Menschen weiter. Denn genau auf diese Weise können wir die Dankbarkeit tatsächlich um die Welt gehen lassen.

Viele Grüße, Dein Steffen Kirchner

18 Gedanken zu „Unsere zwei größten Fehlreaktionen auf Geschenke

  1. Das was du hier schreibst, empfinde ich genau so….und nur aus diesem Grund, nämlich aus FREUDE daran dem Anderen eine kleine oder große Aufmerksamkeit in Form eines Geschenkes machen zu können, macht das Schenken ein Sinn für mich ♡!
    Ich liebe deine Artikel hier, weil sie so alltäglich….selbstverständlich…und man doch in jeder zwischenmenschlichen immer wieder damit auseinandersetzen muss ;-).
    Lg

  2. Wenn du mit Freude schenkst und nicht aus einem Pflichtgefühl heraus, dann macht Schenken Spaß und die Freude wird an den Beschenkten weitergegeben , obwohl du dir deine Freude erhältst.
    Echt ’ne tolle Sache, die man sich viel, viel öfter ins Bewusstsein rufen sollte.
    Deshalb Danke für diesen Beitrag !

  3. Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Auch ich habe gelernt Geschenke, und vor allem Komplimente, anzunehmen. Dann gehen sie runter wie Öl … und das ist doch was Feines. Hat man das erst einmal gelernt, wird das Weitergeben/das Weiterschenken kinderleicht … was wiederum die eigene Freude wachsen lässt.

  4. Was ist, wenn man mit den Geschenken absolut nichts anfangen kann und auch nicht versteht warum geschenkt wurde?
    Während eines 4-teiligen Seminars habe ich einmal von einer anderen Teilnehmerin einen 10 Euro-Gutschein und 2 Termine später noch Sachen aus dem Erzgebirge geschenkt bekommen. Für mich war und ist sie nur eine andere Seminarteilnehmerin gewesen und gerade die Sachen aus dem Erzgebirge waren für mich nur „Müll“ und ich konnte / kann damit nichts anfangen.
    Eine andere Seminarteilnehmerin, die ich ein wenig mehr in der Zwischenzeit kenne, hat mir ein Plüsch-Einhorn geschenkt. Auch damit kann ich nichts anfangen, da die emotionale Bindung einfach für mich zu gering ist.
    Beide kennen mich nur wenig und wissen somit auch nicht wie ich bin und einfach grundlos einen 10 Eurogutschein zu verschenken, auch wenn diesen mehrere Personen erhalten haben, finde ich übertrieben.

  5. Ich fühle mich ziemlich vor den kopf gestossen, wenn mein Gegenüber so abweisend auf mein Geschenk reagiert. Selbstwertgefühl hin oder her. Ganz ehrlich, wenn die Verbindung stimmt egal ob Partner, Eheleute, Kollegen oder nur Freunde, dann freut sich jeder über eine Aufmerksamkeit oder ein Geschenk. Weil man einfach weiss, da meint es jemand aufrichtig. Aber wenn die Verbindung einen Knacks hat, wird es auch schwierig mit dem schenken. Unter aufrichtiger zugewandtheit ist es auch kein Problem sich gegenseitig was zu schenken. Wer nicht schenken will, und nicht beschenkt werden will, hat irgendwie keine Lust.

  6. Guten Tag Herr Kirchner,

    ich verwende bei mir nicht bekannten Personen kein vertrautes „Du“.
    Schenken hat nicht immer mit Uneigennützigkeit zu tun, oder mit dem Vorhaben eine Freude machen zu wollen.
    Es hat mitunter auch damit zu tun, dem anderen gefallen zu wollen. Aufmerksamkeit zu erhalten und Lob, was für ein netter Mensch man doch sei.
    Statt Geschenke, ziehe ich Taten vor, denn darin erweist sich der Mensch hilfreich und gut.

    Gruß
    Frau Meyer

    • Guten Tag Frau Meyer,

      mich irritiert es ebenso, von mir Fremden mit Du angesprochen zu werden, ich mag es auch nicht sehr. Ich empfinde es eher als distanzlos. Schön, dass Sie das zum Ausdruck gebracht haben! Auch inhaltlich stimme ich größtenteils mit Ihnen überein. Freut sich in unserer Überfluss Gesellschaft wirklich jemand über ein 100. Parfüm/ Hemd/ Spielzeug?? Ein guter Gespräch, ein Spaziergang, ein schönes Essen bedeuten mir so viel mehr! Frau Schiller

  7. Das ist schon alles richtig, aber jetzt kommt das aber:
    Ich kenne Leute (hier die direkten Nachbarn), die geben Geschenke oder helfen ungefragt im Garten bewusst mit der Absicht, damit man in deren Schuld steht, sodass Abhängigkeiten entstehen. Was man erst im Nachhinein erfährt …
    Kannte das früher auch nicht so, weil ich selbst nicht so denke. Ich gebe frei und kann Geschenke annehmen. Bin allerdings jetzt vorsichtig geworden.
    Diese Leute wollen auch kein Gegengeschenk (was in dem Fall nix mit meinem Selbstbewusstsein zu tun hat. Das Schuldverhältnis bilde ich mir ja nicht ein, wenn es mir gesagt wird, dass eines besteht), sondern ganz bewusst, dass man ihnen einen Gefallen schuldig bleibt, den sie irgendwann einlösen. Als wäre man sonst nichts hilfsbereit, falls mal Not am Mann ist … Nein, ein Schuldverhältnis muss her.
    Tja, es erinnert an „Den Paten“, aber solche Leute gibt es wirklich.

  8. Weihnachten steht vor der Tür. Wie jedes Jahr wird unsere Abteilungsleiterin wieder durch die Büros rauschen und Jedem von uns ein Präsent überschwenglich und mit einem aufgesetzten zuckersüssen Lächeln unter die Nase halten ( alle Jahre wieder).
    Mein Problem ist, dass sie im Verborgenen gegen einzelne Mitarbeiter hetzt, die ihr „nicht nach dem Mund“ reden. Ich mag kein Geschenk von ihr annehmen, weil es sich für mich nicht ehrlich anfühlt.
    Bin ich unvwrschämt, wenn ich ihr das so direkt sage?

    • Unverschämt ist es nicht, sondern ehrlich. Die wichtigere Frage ist allerdings: Was willst Du damit bezwecken? Was bringt es, das zu tun? Was willst Du denn damit ändern? Wird sie sich und ihr Verhalten dadurch ändern? Wenn ja, mach es. Wenn nicht, verändere Dich oder Deine Position.

  9. Wenn ich das Präsent annehme dann fühlt es sich für mich wie “ Zuckerbrot und Peitsche“ an. Quasi, mit dem annehmen signalisiere ich ihr, dass ich ihr Verhalten akzeptiere. Und das tue ich nicht.

  10. Wenn es sich nicht richtig anfühlt, würde ich es auch nicht annehmen. So ungefähr: Es ist Weihnachten und alles ist gut und vergessen. Das ist schon ein ziemlich aufgesetztes Verhalten, nur um dem Weihnachtsklischee zu entsprechen. Manche Leute verwenden Geschenke auch zur Manipulation.
    Vor allen Leuten würde ich es ihr nicht sagen, sondern diskret unter vier Augen. Wäre höflicher und sie kann es dann vermutlich besser annehmen. Die Wortwahl und Körpersprache sind auch entscheidend, inwieweit sie es annehmen kann, falls sie denn kritikfähig ist.

    Materielle Dinge binden einen energetisch an den, von dem man sie hat. Fotos binden noch mehr. Mag sich esoterisch angehaucht anhören, ist aber meine Erfahrung. Und wenn man das nicht möchte, sollte man Geschenke nicht annehmen oder möglichst schnell loswerden.

    • Das ist mal ein wahrer Beitrag! Schenken wird immer so positiv dargestellt, dabei sind die Motive häufig gar nicht edel. Ich fände es auch unangenehm, zu Hause am meine Chefin erinnert zu werden, die ich gar nicht so schätze, aber nun mal meine Chefin ist.

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