Warum jeder Coach einen Coach braucht

Jeder professionelle und erfolgreiche Coach im Profisport kennt eine klare Erfolgsregel: Auch ein Coach braucht einen Coach. Eine mentale Unterstützung und seriöse Beratung ist aber nicht nur für Trainer und Coaches wichtig, sondern grundsätzlich für jeden Menschen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Denn jeder Mensch will wachsen und sich weiterentwickeln, was im Alleingang nur sehr begrenzt möglich ist.

In den Medien wird in letzter Zeit immer häufiger davon berichtet, dass nicht nur Führungskräfte und Mitarbeiter in der Wirtschaft, sondern auch Trainer und Athleten im Profisport immer häufiger an psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depressionen leiden. Ist die Beobachtung dieser ansteigenden Häufigkeit korrekt? Meine klare lautet: „Ja!“ Allerdings ist es nicht so, dass es diese Problematik vor 10 oder 15 Jahren nicht auch schon gab. Mittlerweile ist die Gesellschaft jedoch offener geworden für Thematiken wie „Burnout“, „Depressionen“ oder „Boreout“. Was früher als menschliche Schwäche galt und stets geheim gehalten wurde, findet spätestens seit dem tragischen Tod von Nationaltorwart Robert Enke vor wenigen Jahren, immer mehr den Weg in die Öffentlichkeit. Die Begründung liegt auf der Hand: Man kann in einer Gesellschaft nichts dauerhaft totschweigen, von dem ein Großteil der Gesellschaft selbst direkt oder indirekt betroffen ist.
An Schulen, in Wirtschaftsunternehmen oder auch im Profisport Bereich gilt überall das Selbe: Der Druck steigt ständig. Daher erhöht sich der Einsatz von Psychologen, Persönlichkeitstrainern oder einem Coach für mentales Training in den letzten Jahren stetig. Aus meiner Sicht profitieren davon primär Schüler in Schulen, Mitarbeiter in Unternehmen und Spitzensportler in Vereinen. Soweit so gut. Aber die Wichtigsten fehlen: Die Führungspersonen.

Durch meine Arbeit als Mentaltrainer im Profisport, sowie als Speaker und Coach in Unternehmen habe ich hierzu viele eindeutige Erfahrungen gesammelt. Ein Beispiel:
Vor wenigen Jahren begleitete ich als Coach eine Saison lang den ehemaligen Kapitän der Deutschen Eishockey Nationalmannschaft, Tobias Abstreiter, in seiner Funktion als Cheftrainer eines Eishockey Bundesliga Clubs. Sein Resümee am Ende unserer gemeinsamen Saison war: „Die Zusammenarbeit mit Steffen als Mentaltrainer hat mir sportlich, aber vor allem auch persönlich als Mensch sehr weitergeholfen.“ Diese Aussage macht deutlich, um was es in unserer Arbeit ging. Abstreiter fehlte zu Beginn unserer Kooperation weder Fachwissen, noch Erfahrung. Er brauchte vielmehr Klarheit über seine Persönlichkeit, über die Persönlichkeit seiner Spieler und Möglichkeiten, die Energieressourcen von sich selbst, sowie von seinen Spielern, maximal auszuschöpfen und vor allem wieder aufzuladen. Sein Problem war nicht sein Sport, sondern seine eigenen Emotionen, seine Gedanken und seine Ausstrahlung. All das sind Bereiche, die Führungspersonen weder in Trainerausbildungen, noch in Lehrgängen, in Schulungen oder im Studium lernen. Und dennoch sind dies die entscheidenden Faktoren, ob ein Coach (bzw. eine Führungskraft oder allgemein ein Mensch) seine jeweiligen Kompetenzen zielführend umsetzen kann. Denn was hilft schon Fachwissen & Kompetenz, wenn man sie nicht richtig nach außen transportieren und anbringen kann?

Aus meiner Erfahrung ist es ein absoluter Fakt, dass Führungspersönlichkeiten die Ersten sind, die eine mentale Unterstützung und begleitendes Coaching brauchen, um mit den Anforderungen ihres Jobs klar zu kommen.  Auch Coaches müssen gecoacht werden. Das wird oft vergessen. Konkret bezogen auf den Profisport bedeutet das: Spielern werden mentale Techniken und Verhaltensweisen antrainiert, wie sie auf und neben dem Feld mit ihren Ängsten, Problemen und Drucksituationen umgehen können. Ein Coach, Trainer, Projekt- oder Abteilungsleiter hat diese Möglichkeit, sich professionell unterstützen zu lassen, oftmals nicht. Dabei ist jede Führungskraft ein Coach in vielfacher Hinsicht und somit im Vergleich zu ihrem Personal, einer vielfachen psychischen Belastung ausgesetzt.
Auch Dr. Marion Sulprizio, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Sporthochschule Köln sagt dazu: „Bei Herrn Ralf Rangnick als Trainer waren es die gleichen Mechanismen wie bei einem Spieler, die zu psychischen Problemen führen können. Durch die Kombination aus psychischen und physischen Persönlichkeitseigenschaften, Druck von außen, Zielvorgaben des Vereins und den eigenen Zielvorstellungen kann Burn-out die Folge dessen sein, nicht allem gerecht zu werden.“

Der Fall des Fußballtrainers Ralf Rangnick war nicht der Erste seiner Art. Trainerlegende Ottmar Hitzfeld, Bayern-Profi Sebastian Deisler, Skispringer Sven Hannawald, Radrennfahrer Jan Ullrich oder Tennisprofi Florian Mayer sind nur einige Namen von Menschen, die die große Stärke hatten, ihre akute psychische Schwäche öffentlich zu machen und sich selbst eine Auszeit zu verordnen. Eines müssen wir verstehen: Ein Burnout ist keine Krankheit für die Ewigkeit, sondern kann mit Hilfe von seriösen Psychologen und Mentaltrainern überwunden werden. Hitzfeld hat dies nach seiner Auszeit bei Borussia Dortmund in den Folgejahren als Trainer von Bayern München eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Für die Zukunft wird entscheidend sein, dass Führungspersonen sich präventive mentale Unterstützung holen, bevor Krankheiten wie z.B. Burnout überhaupt entstehen. Motivationsgurus, die einen über glühende Kohlen laufen lassen, braucht kein Mensch. Was wir brauchen ist ein seriöses, nachhaltig angelegtes Coaching für diejenigen, die selbst auch als Coach fungieren sollen, und das sind viele. Denn fast jeder Mensch ist ein Coach, z.B. im Bereich Mitarbeiterführung, Kindererziehung usw..
Sich selbst zu coachen ist nur bis zu einem gewissen Punkt möglich. Sobald die eigene Emotionalität bei einem Menschen zu stark wird, kann er sich nicht mehr rational bewerten, hinterfragen und somit auch nicht mehr selbst coachen bzw. helfen. Auch die besten Eheberater haben aus diesem Grund häufig die gleichen Eheprobleme wie die Klienten, die sie selbst beraten.

Neben der Unmöglichkeit, sich als Coach selbst beim emotional besetzten Themen effektiv langfristig zu coachen, kommt noch hinzu, dass sich grundsätzlich jeder Mensch weiterentwickeln, wachsen und neue Dinge lernen möchte. Dies ist eines der stärksten emotionalen Grundbedürfnisse. Wer sich nur mit sich selbst unterhält, wird sehr schnell keine neuen Antworten und Ansichten mehr bekommen und somit vor denjenigen Problemen stehen bleiben, die momentan noch größer sind, als er selbst. Ohne Impulse von außen drehen wir uns schnell im Kreis. Jeder Mensch braucht daher einen Coach (oder sogar mehrere Coaches), um sich weiterentwickeln zu können und auch hieraus Kraft zu schöpfen, das durch das persönliche Wachstum entsteht. Dies gilt auch für mich und wenn Sie mich fragen würden, ob auch ich als Profi-Coach mich selbst coachen lasse, dann sage ich Ihnen ganz ehrlich: Das tue ich seit vielen Jahren und genau hierin sind sicherlich 80% meines Erfolgs begründet. Denn wer keinen wertvollen Input von außen bekommt, wird immer mit ähnlichen Denkmustern ähnliche Dinge in ähnlicher Art und Weise machen. Die Folge sind ähnliche Ergebnisse zu ähnlichen Kosten auf ähnlichem Qualitätsniveau. Wer Spitze sein möchte, versinkt mit diesem Konzept im Mittelmaß der Stagnation.

Es geht dabei nicht darum, dass ein Coach immer ein hochbezahlter externer Topexperte sein muss. Coach kann auch ein guter Freund, Arbeitskollege oder einfach eine bekannte Person sein, der man vertraut. Wer einen Coach sucht, sollte diesen nicht nach der Höhe seiner Honorarsätze oder Anzahl seiner Ausbildungen und Lizenzen aussuchen, sondern primär nach Persönlichkeit. Denn ein Coach ist KEIN Wissensvermittler! Ein Coach ermöglicht Lernen und Weiterentwicklung seines Klienten, indem er genau hierfür die Umstände schafft. Ein Coach ist eine guter Beziehungsmanager und hilft dabei, auch wieder eine gute Beziehung zu sich selbst, der eigenen Arbeit, den eigenen wichtigsten Aufgaben und Werten im Leben zu bekommen. Und genau hier schließt sich der Kreis: Es geht nicht um Wissen und Ausbildungen, sondern um neue Sichtweisen und positive Gefühle. Und davon kann wohl jeder Mensch, ganz gleich in welcher Position, niemals genug haben.

Ein Gedanke zu „Warum jeder Coach einen Coach braucht

  1. Stimme Dir 100% zu. Ein seriöser Coach kann ein wichtiger, wenn nicht der bestimmende Faktor zur persönlichen und/beruflichen Weiterentwicklung sein. Persönlichkeit und Charakter sind die besten Auswahlkriterien für einen Coach. Danke für diesen Blog

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