Was man von der ältesten Holocaust-Überlebenden der Welt lernen kann

Sie ging noch mit Kafka spazieren: Alice Sommer, 109, ist die älteste Holocaust-Überlebende der Welt. Wer sie in London besucht, erlebt einen hellwachen und fröhlichen Menschen. Sie hasst nicht, denn Hass zerstört die Seele des Hassers, nicht des Gehassten, sagt sie. Viel kann man lernen von dieser Frau, die sich trotz aller schlechten Erfahrungen dazu entschieden hat, die Menschen sowie die Welt zu lieben.

Sie lebt. Und alleine das ist schon ein Wunder. Vor wenigen Wochen ist Alice Sommer 109 Jahre alt geworden. 1903 kam sie auf die Welt, in Prag. Sie gilt weltweit als älteste Holocaust-Überlebende. Das lässt sich schlecht nachprüfen. Was sich aber feststellen lässt: Sie ist die optimistischste und fröhlichste Holocaust-Überlebende, die man je kennengelernt hat. Wenn man sie anruft und fragt, ob man sie besuchen dürfe, sagt sie: „Kommen Sie, wann Sie möchten. Sie sind immer willkommen.“ Und legt auf.

Sitzt man dann rechts neben ihr (weil sie auf dem linken Ohr nicht gut hört), wirft sie alle paar Minuten ihren Kopf lachend zurück, legt einem vertrauenswürdig die Hand auf den Arm, obwohl man sich doch gerade erst kennenlernt, und sagt Sätze, die man im Notizblock rot unterstreicht, weil sie unbedingt in die Reportage müssen. Am Ende der Gespräche mit ihr stehen sehr viele rote Sätze im Block. Dieser zum Beispiel: „Mein Optimismus hat mir durch die dunkelste Zeit in meinem Leben geholfen. Ich kenne das Schlechte in der Welt, aber ich interessiere mich nur für die schönen Dinge im Leben. Deshalb bin ich so alt geworden.“
„Wie kann ich nicht optimistisch sein?“
sagt Alice Sommer. „Ich lebe! Und wenn ich hier aus meinem Wohnzimmerfenster schaue, sehe ich einen Baum, der im Frühling blüht. Das sind doch alles Wunder: Dass Sie mich jetzt besuchen kommen und wir reden. Dass es Bäume gibt, die blühen. Die Welt ist schön.“

Bis ins Alter von 97 Jahren ist Alice Sommer jeden Tag schwimmen gegangen im Hallenbad von Swiss Cottage, gleich bei ihr um die Ecke. Sie hat an der Senioren Universität Philosophie und Judentum studiert, sonntags spielt sie Scrabble mit einer Freundin, im Sommer geht sie mit ihrem Enkelsohn Ariel spazieren, oder sie setzen sich auf eine Parkbank. Im Winter, wenn es draußen zu rutschig ist, läuft sie im Flur auf und ab. Sie beschwert sich nicht, dass sie nicht mehr schwimmen kann oder ihre beiden kleinen Finger nicht mehr gehorchen. Sie sagt: „Jammern und schimpfen nützt doch nichts. Es fühlen sich nur alle schlecht dann.“ Stattdessen also begeistert sie sich. Für alles.
Vor zwei Jahren strich sie das erste Mal über ein iPhone, da war sie 107. Jetzt fragt sie manchmal ihre Besucher, ob die eines dabeihaben. Auch das iPhone: ein Wunder. Alice Sommer ruft: „Dass Sie da etwas schreiben, und im nächsten Moment ist Ihre Post bei jemand anderem!“

In 104 Jahren hat Alice Sommer kaum einen Tag ohne Klavierspielen verbracht. Mit fünf saß sie zum ersten Mal an einem Piano, immer saß ihre Mutter oder ihre Großmutter bei ihr. Mit 16 Jahren begann sie in Prag an der deutschen Musik-Akademie zu studieren, sie war dort die jüngste Schülerin. Schnell bekam sie einen Ruf als Prags beste Klavierspielerin. Anfang der 1930er-Jahre war sie auch in anderen europäischen Ländern bekannt. Max Brod, der Mann, der Franz Kafkas Bücher veröffentlicht hat, pries damals Sommers Talent in mehreren Konzertkritiken. Alice Sommer kannte auch Kafka persönlich. Er, wie auch Gustav Mahler, waren Freunde ihrer Eltern. Sie erinnert sich, wie Kafka sie und ihre Schwester Mizzi einst in die Moldau zum Schwimmen mitnahm oder er mit ihnen spazieren ging.

Wenn Alice Sommer Besuch bekommt, taucht immer irgendwann die Frage auf: „Wie konnten sie in einem KZ Klavier spielen?“ Sie sagt, sie habe dort bestimmt 150 Konzerte gegeben. „Zu uns kamen kranke und unglückliche Menschen. Unsere Musik war Nahrung für sie und Erlösung zugleich.“ Von 156.000 Gefangenen in Theresienstadt haben nur 17500 das Ghetto überlebt. Von 15.000 Kindern, die nach Theresienstadt deportiert worden waren, erlebten nur 130 die Befreiung. Dass Alice Sommer lebt, ist ein Wunder. Und wie sie lebt, ist wunderVOLL.

Eine ihrer vielen Schülerinnen ist Nurit Vakschal. Sie ist 77 Jahre alt, lebt in Givataim bei Tel Aviv und ist selbst Klavierlehrerin, seit 50 Jahren. Ihr Mann ist gerade gestorben, sie klingt traurig. Aber wenn man mit ihr über Alice Sommer spricht, weicht die Trauer. Einmal in der Woche ruft sie in London an, vor drei Jahren hat sie Alice Sommer das letzte Mal besucht. „Sie ist ein Phänomen“, sagt Nurit Vakschal. Beim letzten Besuch saß sie mit Alice Sommer den ganzen Vormittag zusammen, bis ein Lieferant kam von „Meals on Wheels“, der ihr das Mittagessen brachte. Als Nurit Vakschal sich anschickte zu gehen, lud Alice Sommer sie zum Lunch ein. „Wir haben uns ihr Mittagessen geteilt, ein winziges Stück Fleisch, ein bisschen Kartoffelbrei, ein paar Bohnen, noch nicht mal eine Person würde davon satt. Aber sie sagte nur: großartig!“

Sich stets um andere kümmern, das ist Alice Sommer. Ihre wichtigste Erfahrung in den letzten 109 Jahren? Sie gibt darauf eine buddhistische Antwort: „Besitztümer sind unwichtig. Wenn man in Bescheidenheit lebt, ist man automatisch glücklich, weil man nicht nach etwas giert, was man nicht hat.“

Bis heute spielt sie jeden Tag Klavier. Vor Kurzem noch drei Stunden jeden Tag ohne Pause, immer von 10 bis 13 Uhr. Jetzt spielt sie eine halbe Stunde, ruht sich aus, dann spielt sie weiter, bis das Essen auf Rädern kommt. Sie spielt die Stücke aus dem Kopf, Noten erkennt sie nicht mehr. Die Nachbarn haben sich an die Musik aus der Erdgeschosswohnung Nummer 6 gewöhnt – und klingeln, wenn sie am Vormittag nichts hören. Das ist einmal passiert, da war sie hingefallen und musste ins Krankenhaus. Seitdem trägt sie Converse-Turnschuhe, damit sie nicht auf dem Teppichboden ausrutscht.

Nur noch acht von ihren zehn Fingern gehorchen ihr, seit ein paar Jahren. „Die anderen beiden machen was sie wollen“, sagt sie mit einem Lachen. War das ein Problem für Alice? Nein. Sie entschied sich kurzerhand dazu, sämtliche Stücke auf eine Spielweise mit acht Fingern umzulernen. Heute kann sie es – mit über 100 Jahren. Ihr Erfolgs- und Glücksrezept: Begeisterung, Interesse, Demut, Optimismus, Liebe und Hingabe.

Hier sehen Sie einen Interview-Mitschnitt mit deutschen Untertiteln mit Alice Herz-Sommer.

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