Der Bayern-Flow – Wie Unbesiegbarkeit im Kopf entsteht

Unbesiegbarkeit ist realistisch gesehen natürlich unmöglich. Doch im Kopf kann ein mentales Gefühl der Unbesiegbarkeit durchaus entstehen, was die Entwicklung des FC Bayern seit rund 1,5 Jahren mittlerweile eindrucksvoll beweist. Seit mehr 500 Tagen ist der FC Bayern nämlich bereits ohne Niederlage. Eine unglaubliche Zahl. Die Bayern schieben nicht nur einen Lauf, sondern sie befinden sich in einer Art dauerhaftem „Runners High“, wie man das von Marathonläufern kennt. Ein anderer Begriff für den Zustand des bayerischen Ausnahmeteams ist das Wort „Flow“. Was unter diesem mentalen Ausnahmezustand genau zu verstehen ist und wie man ihn erreichen kann, erkläre ich Ihnen heute in diesem Blog-Beitrag.

Der Erfinder des Wortes „Flow“ ist der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi. Der Flow-Zustand bezeichnet das Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit. Um es in einem Wort zusagen: ein Tätigkeitsrausch. Genau in diesem dauerhaften Tätigkeitsrausch befindet sich der FC Bayern nun seit weit über einem Jahr, woraus die zumindest gefühlte Unbesiegbarkeit entsteht.
Nahezu jeder Leistungssportler kennt das Flow-Gefühl aus eigener Erfahrung, wenn man einfach automatisch läuft, spielt oder reagiert, ohne darüber nachdenken zu müssen. Alles geht einem kinderleicht von der Hand, alles funktioniert und klappt. Obwohl man  körperliche Höchstleistungen mit enormem Energieaufwand betreibt, hat man das Gefühl, ohne Anstrengung seiner Tätigkeit nachzugehen und vor Energie fast zu platzen, anstatt müde zu werden. Man kommt nicht mehr auf den Gedanken, einen Fehler machen oder verlieren zu können, denn man ist mit seiner kompletten Aufmerksamkeit im Tun. Es gibt keine Gedanken an gestern und morgen, oder an Sieg oder Niederlage. Man gibt sich der Aufgabe so intensiv hin, dass man sich selbst und alles um einen herum dabei vergisst.

Die Fragen bei der ganzen Sache ist nun: Wie kommt man in diesen Zustand des absoluten Flusses und der mentalen Unbesiegbarkeit? Kann man ihn erzwingen? Kann man ihn trainieren? Letzteres schon eher, denn genau das unterscheidet Durchschnittsprofis von echten Weltklasseathleten. Um in den Zustand des Flow zu kommen braucht es kein Talent, oder richtige Gene, sondern bestimmte Rahmenbedingungen und Strategien, um vor allem wieder in diesen (oder einen ähnlichen) Zustand zurück zu finden, wenn man mal wieder neben der Spur ist. Fast jeder Sportler kennt das Flow-Gefühl, allerdings oftmal nur für wenige Sekunden oder Minuten, was dann dummerweise auch nur wenige Male im Jahr vorkommt. Die Spieler des FC Bayern haben offensichtlich ihre Strategie gefunden, um möglichst häufig diesen mentalen und somit auch physischen Ausnahmezustand zu erreichen auch noch relativ lang zu halten.

Die Voraussetzungen für den Flow der Unbesiegbarkeit

Vereinfacht gesagt gibt es zwei Instanzen oder „Regierungen“, die unser Denken, Fühlen und somit unser Handeln/Verhalten steuern. Erstens der bewusste, rationale Verstand. Er wird über Informationsaufnahme angesteuert und muss mit Zahlen, Daten und Fakten gefüttert werden. Seine wichtige Aufgabe hat er primär im Training, wo es um Technikerwerb oder das Einstudieren neuer taktischer Spielzüge etc. geht. Aus dieser Eigenart ergibt sich, dass der bewusste Verstand die Aufgabe hat, zu urteilen, zu analysieren und alles als gut oder schlecht, richtig oder falsch zu bewerten. Das ist sein Job.
Die zweite „Regierung“ unseres Wesens ist das Unterbewusstsein. Hier werden nachweislich über 90 % aller psychischen und auch körperlichen Prozesse gesteuert. Davon kriegt der Mensch allerdings nichts mit, was auch seinen Sinn hat. Denn wenn wir jeden der rund 11 Millionen Sinneseindrücke, die unser Kopf pro Sekunde zu verarbeiten hat, bewusst wahrnehmen würden und analysieren bzw. rational bewerten müssten, wären wir komplett handlungs- und lebensunfähig. Das Unterbewusstsein lenkt einen Großteil unserer körperlichen Abläufe und hat somit nicht nur den tatsächlich entscheidenden Einfluss auf das was wir machen, sondern vor allem auch auf die Qualität dessen, wie wir es machen.

Nun kommt die Schwierigkeit an der ganzen Sache. Eine von beiden „Regierungen“ möchte immer dominieren. Wer bildlich gesprochen in die „Regierungsverantwortung“ geht, ist allerdings kein reiner Zufall, sondern trainierbar und überwiegend bei jedem Menschen schon konditioniert. So ist es in unserer Gesellschaft so, dass wir primär über Informationsaufnahme, rationale Analysen, Bewertungen, Urteile usw. erzogen werden. Ob in der Schule, in der Arbeit oder im täglichen Training – das rationale Bewusstsein spielt meist die erste Geige. Damit hat es gelernt: Ich bin der Chef, wenn es wichtig wird.

Das Problem an der Sache ist allerdings: Nachdenken kostet extrem viel Energie, ist aufwändig, langsam und auch fehlerhaft. Der Flow-Zustand stellt sich ausschließlich dann ein, wenn das Unterbewusstsein die Kontrolle (Regierungsverantwortung) übernimmt, und dabei vom rationalen Verstand nicht ununterbrochen gestört wird. Ein klassisches Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Prozesse wenn Kinder Fahrradfahren lernen sollen. Solange die Eltern wie verrückt neben dem Kind herlaufen und ständig erklären was es wie zu machen hat, ist beim Sprössling ununterbrochen das Bewusstsein an der Macht. Es muss andauernd neue Informationen aufnehmen, bewerten, sich selbst kontrollieren usw.. Die Folge: Der nächste Baum oder Sturz kommt bestimmt – und zwar meist nach wenigen Sekunden. Auch Tennisspieler oder Golfer kennen dieses Phänomen. In dem Moment wo man über einen Schlag bewusst nachdenkt (weil man ihn richtig machen will), gelingt der Schlag in der Regel kaum mehr. Der Grund dafür ist einfach erklärt: Das Bewusstsein hat die Aufgabe zu analysieren und somit Bewegungsabläufe ein Einzelteile zu unterteilen, also zu trennen. Anders ist eine Analyse nicht möglich. Dass dann durch diese Unterteilung ein flüssiger und fehlerfrei funktionierender Bewegungsablauf in der Folge nicht mehr möglich ist, versteht sich von selbst. Im Bezug auf das Beispiel des Kindes das Fahrradfahren lernen sollte bedeutet das: Erst wenn die Eltern das Kind loslassen und einfach fahren lassen, kann das Kind aufhören darüber nachzudenken was es alles machen muss und sein Tun einfach spüren. Somit stellen sich sehr viel schnellere Lernerfolge ein, da das Unterbewusstsein einen viel größeren Einfluss auf den Körper hat und Lernprozesse somit im Vergleich zum rationalen Nachdenken wie im Zeitraffer verarbeitet und umgesetzt werden können.

Das bedeutet also: Wer wirklich in einen Flow-Zustand des mühelosen Tätigkeitsrauschs und mentaler Unbesiegbarkeit kommen möchte, sollte nicht ständig darüber nachdenken was er zu tun hat und wie er es zu tun hat, da er durch diese rationalen Vorgänge verhindert, dass das Unterbewusstsein die Kontrolle übernehmen kann. Speziell bei Mannschaften im Abstiegskampf, die sehr an sich zweifeln und versuchen ja keine Fehler zu machen, erkennt man deutlich, dass hier rein aus dem Kopf gespielt wird und somit oft der eigentlich vorhandene Instinkt fehlt. Einfachste Pässe und Spielzüge klappen nicht mehr richtig, der Torriecher des Stürmers ist wie verflogen und das Gefühl für die richtige Aktion im entscheidenden Moment ist wie weggezaubert. All diese Abläufe wären Aufgabe des Unterbewusstseins. Nur wer in der Lage ist, rational antrainierte Fähigkeiten in der Wettkampfsituation automatisiert abzurufen, hat einen Zugang zu seinem Gefühl für das Spiel und kann somit instinktiv spielen und das „Richtige“ tun.

Drei Schritte zur mentalen Unbesiegbarkeit

An dieser Stelle kann man drei Punkt nennen, die der FC Bayerns bei seinen Spielern offensichtlich nahezu optimal erfüllt hat:

Schritt Nr. 1 zur mentalen Unbesiegbarkeit: AUTOMATISIERUNG
Nur wenn bestimmte Techniken und Abläufe absolut automatisiert und ständig wiederholt sind, sind sie auch tatsächlich im Unterbewusstsein gespeichert und können instinktiv im entscheidenden Moment abgerufen werden. Hier ist ein optimale Trainingssteuerung und vor allem Trainingsintensität entscheidend. Denn nur wenn möglichst hohe Wiederholungszahlen in Verbindung mit einer maximalen Trainingsintensität kombiniert werden, entstehen diese Automatisierungen. Man kann bestimmte Dinge dann praktisch wie im Schlaf und wäre auch fähig um 3 Uhr morgens aufgeweckt zu werden und eine präzisen Steilpass durch eine Abwehr auf den Stürmer zu spielen. An dieser Stelle hat der FC Bayern mit Sicherheit eine außergewöhnliche Trainingsqualität. Nicht zuletzt durch die beispiellosen finanziellen Möglichkeiten der Münchner, kann hier ein unheimlich kompetentes und mit viel Manpower ausgestattetes Trainerteam für eine Form von Qualitätsoptimierung und neuen Reizen bei den Spielern sorgen, wie es in anderen Mannschaften so nicht realisierbar sein kann. Gute Spieler werden nicht geboren, sondern gemacht.

Schritt Nr. 2 zur mentalen Unbesiegarkeit: VERTRAUEN
Das gilt im Bezug auf Selbstvertrauen, wie auch Vertrauen im Team untereinander. Nur wenn die Spieler sich gegenseitig vertrauen, können sie auch riskant spielen und sich wirklich fallen lassen. Denn wer seinem Mitspieler nicht vertrauen kann, weil er ihn und seine möglichen Fehler die ganze Zeit kontrollieren muss, gibt seine Kontrolle an das Bewusstsein ab und kann somit nicht aus dem mächtigeren Unterbewusstsein spielen. Damit fehlt dann auch die Qualität im eigenen Spiel. Zusätzlich ist auch entscheidend, das Vertrauen des Trainers zu spüren. Gerade auch im Bezug auf Fehler gilt dieser Grundsatz. Wer Angst hat, Fehler zu machen, kann sich von der Selbstkontrolle nicht lösen und somit nicht frei spielen. Jürgen Klopp gab seinem Spieler Nuri Sahin einmal einen Fehlpass-Freibrief und forderte ihn nach Sahins eigener Aussage sogar dazu auf, Fehlpässe zu produzieren. Durch dieses Vertrauen von außen, gewann der Spieler auch wieder Selbstvertrauen und konnte wieder einen wahren Spielfluss zurückfinden.

Schritt Nr. 3 zur mentalen Unbesiegbarkeit: ERFOLGSPROGRAMMIERUNG
Wenn der FC Bayern etwas verstanden hat, dann ist es die Kunst, sich hohe Ziele zu setzen und dementsprechend dafür zu arbeiten. Wer nicht mehr an den Sieg glaubt, tut sich schwer mit dem gewinnen. Für das Gegenteil gilt das Gleiche. Wer Verlieren als Option ausschließt und zusätzlich auch noch wie oben beschrieben für weltklasse Training mit den dazugehörigen Automatisierungen und Vertauen im Team sorgt, der tut sich auch sehr schwer zu verlieren. Daraus entsteht die gefühlte Unbesiegbarkeit im Kopf. Die Spieler des FC Bayern sind von Kopf bis Fuß auf Erfolg eingestellt. Sie versuchen nicht nur zu gewinnen, sondern auch noch eine eigene Spielkultur zu entwickeln, die das Gewinndenken durch Körpersprache, Spielstil und die Kommunikation der Spieler intern wie auch nach außen zum Ausdruck bringt. Wer seinem Bewusstsein soviel Sicherheit und Stabilität gibt, der kann durch Führung des Unterbewusstseins einfach häufiger, schneller und länger in den Flow-Zustand hineinfinden.

Eine interessante Beobachtung gab es beim Rückspiel der Bayern im Achtelfinale der Champions League gegen Arsenal London, als die Bayern trotz gewohnt drückender Überlegenheit aufgrund eines unerwarteten Schiedsrichterfehlers ein Gegentor bekamen. Der Schiedsrichter ahndete ein Foul von Podolski an Lahm nicht und schoss den Ball danach aus spitzem Winkel hammerhart an Manuel Neuer vorbei ins Bayerntor. Mit diesem kleinen Schockerlebnis hatten die Spieler für einige Minuten ihre liebe Mühe. Plötzlich war der Verstand wieder aktiv, der sich über die Situation aufregt, darüber nachdachte und somit die Energie der Spieler und einige Automatismen im Team vorübergehend blockierte. Und plötzlich schwammen die Münchner für einige Zeit gegen den Gegner aus London, der durchaus plötzlich zu der ein oder anderen Torchance kam und in Führung hätte gehen können. Daran sieht man: Echte Unbesiegbarkeit gibt es nicht. Auch der FC Bayern ist schlagbar. Doch nur dann, wenn man die Spieler in eine Situation denkt, wo sie aus ihrer Wohlfühlzone herauskommen und anfangen müssen, über Probleme nachzudenken.

2 Gedanken zu „Der Bayern-Flow – Wie Unbesiegbarkeit im Kopf entsteht

  1. Hi Steffen,
    ich finde solche Beiträge super toll!
    Die Erklärungen und Tipps, ich hab schon einiges über das Unterbewusstsein gelernt, doch hier ist alles super auf einem Blick erklärt. Es erscheint plötzlich ganz logisch wieso man sich, Träume und Ziele hoch und ohne Hemmungen stecken soll.
    Ich dank dir =)
    das ist klasse

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