Unsere beliebtesten Ausreden – Teil 4: „Ich bin halt so“

Zu den populärsten Ausreden, die wir uns selbst und auch anderen oft einreden gehören Sätze wie: „Ich bin halt so“ oder „Man kann eben nicht aus seiner Haut. Schon meine Mutter war so. Das ist halt vererbt und steckt in meinen Genen, da kann man nichts machen.“
Diese Aussagen klingen so plausibel, so logisch und sind so nachvollziehbar. Vor allem aber sind sie als Ausreden so bequem. Denn wenn man dagegen nichts machen kann, muss man sich weder damit beschäftigen, noch muss man sich um Veränderungen bemühen. Kaum eine andere Ausrede ist ein noch größerer Erfolgsverhinderer, der die persönliche Weiterentwicklung in derart hohem Maße einschränkt. Heute erkläre ich Ihnen, warum wir unseren ungeliebten Eigenarten eben nicht so hilflos ausgeliefert sind, wie wir oftmals (gerne) glauben.

Jeder Mensch besitzt bestimmte alte Muster, die ihn blockieren und es ihm manchmal schwer machen. Viele davon haben wir in unserer Kindheit einfach so „mitbekommen“, ohne dass wir uns bewusst dagegen wehren konnten. Aber auch im Erwachsenenalter haben wir einige (mentale) Gewohnheiten hinzugewonnen, die aufgrund eigener Entscheidungen oder auch bestimmten Lebenserfahrungen entstanden sind und die einem das Leben nicht immer leichter machen. So mancher fühlt sich zum Beispiel immer von allen ausgenutzt und kann nicht „Nein!“ sagen. Ein Anderer hat immer das Gefühl, irgendwie nicht so richtig dazu zu gehören und als Außenseiter dazustehen. Ein Dritter geht regelmäßig bei bestimmten Themen so schnell an die Decke, dass er laut und zu aggressiv wird, obwohl er das eigentlich gar nicht will. Die Liste an Lebensaufgaben ist beliebig lange fortsetzbar.

Jetzt kommt der interessante Punkt: Irgendwann findet man heraus, dass man nicht der Einzige ist, der dieses spezielle Problem hat. Viele Mitmenschen kämpfen auch damit und kriegen es nicht los. Diese Erkenntnis kann sehr wohltuend und erleichternd sein, denn daraus ergeben sich gleich zwei tolle Ausreden:
1.: „Ich bin halt so, ich kann nicht aus meiner Haut.“
2.: „Andere können offensichtlich auch nicht aus ihrer Haut. Da es also vielen so geht, ist mein Problem ganz normal, denn Menschen können allgemein nicht aus ihrer Haut.“
Wirklich eine perfekte Ausrede! AusIch kann nicht“ wird Man kann nicht“. Also kann es keiner. Diese Generalisierung (Verallgemeinerung) hilft Menschen, den Druck der Selbstverachtung von sich zu nehmen. Es ist leichter die eigene Unfähigkeit zu akzeptieren, wenn man sieht, dass andere genauso, oder vielleicht sogar noch unfähiger sind, als man selbst. Ganz nach dem berühmten Prinzip: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ – Das Lieblingsmotto aller Loser.

Nehmen wir mal ein klassisches Beispiel: Angenommen jemand hat große Probleme, sich länger zu konzentrieren. Die Person fühlt sich oft unruhig und zappelig. Sie fängt oft 10 Sachen fast gleichzeitig an und bringt so gut wie nichts davon zu Ende. Es folgt das Alltagsproblem, unorganisiert und chaotisch zu sein, was sich negativ auf das Berufsleben und viele zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt. Über kurz oder lang leidet darunter natürlich auch das Selbstvertrauen dieser Person, denn andere kriegen es ja offensichtlich auch auf die Reihe. Nur man selbst ist „zu blöd“ dafür.
Doch irgendwann kommt jemand und sagt: „Hey, könnte es sein, dass Du ADS (Aufmerksamkeits-Defizit–Syndrom) hast?! Das haben auch ganz viele andere, auch als Erwachsene.“ Was für ein Glück! Die perfekte Ausrede ist gefunden um sich mit der Situation abzufinden und sich nicht länger um eine Verbesserung bemühen zu müssen. Krankheiten sind generell großartige Ausreden, um passiv in der Opferrolle zu bleiben, denn was können Sie schon dafür, dass Sie krank sind? Sobald man einen Namen für sein Problem gefunden hat (z.B. ADS), kann man viel einfacher damit umgehen – leider meistens auf die falsche Art und Weise.

Wer oder was sind Sie eigentlich?

Ich habe einen Lösungsansatz für Sie, der die Ausrede „Ich bin halt so“ komplett entwaffnet und beweist, dass wir nicht einfach so sind, wie wir oft glauben dass wir sind. Bitte beantworten Sie mir nun folgende Frage möglichst kurz und knapp: Wer sitzt gerade auf Ihrem Stuhl und liest diesen Text? Die kürzeste Antwort die Sie mir jetzt geben könnten wäre natürlich: „Ich!“ Die Frage aber ist: Wer ist ICH? Kein Mensch kommt mit einem Ich-Bewusstsein auf die Welt. Babys haben noch gar kein Bewusstsein für sich selbst. Hält man einem Säugling einen Spiegel vor, dann erkennt er nicht, dass das Gesicht dort sein eigenes ist. Erst ein paar Monate später gelingt es dem Kind, sich selbst zu erkennen. In der Gehirnforschung hat man herausgefunden, dass erst im Alter zwischen 18-24 Monaten nach und nach ein Ich-Bewusstsein bei Kleinkindern einsetzt. Das bedeutet: Auch Sie sind nicht mit einem festen Bild von sich selbst auf die Welt gekommen, sondern ein großer Teil des Bildes dass Sie von sich selbst (und übrigens auch der Welt) haben, wurde von außen erschaffen und Ihnen mitgegeben….man könnte auch sagen „von außen aufgesetzt“. Das was Sie also glauben zu sein, sind also nicht Sie, sondern lediglich der Teil von Ihnen, der Ihnen bislang bewusst wurde. Daher kommt auch das Wort „Selbstbewusstsein“, da man sich eines Teils von sich selbst bewusst wird. Gehen Sie davon aus, dass Sie bislang nur einen sehr sehr kleinen Teil Ihres ganzen Wesens wirklich kennen. Ich erlebe diesen Umstand in einem Teilbereich speziell auch in Coachings mit meinen Klienten immer wieder. Wenn ich zu Beginn die Frage stelle: „Welche Stärken haben Sie?“, dann schreiben mir die Leute im Durchschnitt 5-6 Worte aufs Papier. Nach spätestens drei Coachinterminen besitzen die Leute eine Stärkenliste von 50 oder mehr Stärken. All diese Fähigkeiten und Talente hatten sie davor auch schon, nur war es ihnen eben nicht bewusst. Und alles was uns nicht bewusst ist, existiert für uns nicht.

Welche Rolle spielen Sie?

Lassen Sie uns auf meine Frage „Wer sitzt auf Ihrem Stuhl?“ zurückkommen: Wenn ich diese Frage von außen beantworten würde, könnte ich sagen: Die- oder derjenige der diesen Text nun auf Ihrem Stuhl liest, ist eine PERSON. Das Wort „Person“ kommt aus dem Lateinischen von „Persona“, was die Maske des Schauspielers war. Per-sonare bedeutet „durchtönen“. Durch die Maske tönen also z.B. Worte hindurch (wie im Theater), wodurch man seine Rolle eben spielt. Unsere Persönlichkeit ist also nichts anderes als eine Maske, mithilfe derer wir eine bestimmte Rolle spielen. Viele Rollen wurden uns früher auferlegt. Manche haben wir abgelegt und manche übernehmen wir mehr oder weniger klaglos bis heute. Erfolgsregel: Alles was Sie glauben zu sein, ist nichts anderes als eine Rolle, für die Sie sich jeden Tag wieder neu entscheiden.

Wenn Sie sich das bewusst machen, verstehen Sie eine Sache: Man kann Masken ablegen und Rollen wechseln. Nicht immer von heute auf morgen und manche Masken haben auch soviel Gewicht, dass sich nicht so leicht abzulegen sind. Doch es geht. Vielleicht tönt in der nächsten Rolle die alte Figur auch immer noch ein bisschen weiterhin mit durch, doch je länger Sie sich in eine neue Rolle bewusst hineinbegeben, mit all Ihrem Herz und auch Ihrem Verstand, desto mehr nimmt Ihre Persönlichkeit eine neue Gestalt an.

Die Ausrede, sich nicht verändern zu können, weil man eben so ist wie man ist, gehört zu den größten Lügen unserer Kindheit. Sie wurden von unseren Eltern, Lehrern und Bekannten entweder deswegen verwendet, um uns „gehorsam“ und „angepasst“ zu machen, oder diese Personen selbst nicht aus ihren alten ungeliebten Rollen schlüpfen wollten. Die Motivation dahinter war, sich damit selbst ein Alibi zu verschaffen, dass es nun mal nicht geht, indem man diese Botschaft (Konditionierung) an andere weitergibt, damit diese Menschen diesen Umstand bestätigen! Doch Sie sind nicht dazu geboren, um die Glaubenssätze, Gewohnheiten und Realitäten Ihrer früheren „Erzieher“ zu kopieren und fortzuführen. Sie können Ihr eigenes Leben leben und neue Erfahrungen machen. Notwendig ist dafür im ersten Schritt nur eine Sache: Treten Sie die alten Glaubenssätze und Ausreden in die Tonne und treffen Sie eine innere Entscheidung dafür, das Gegenteil davon erfahren zu WOLLEN.

Die größte Gefahr beim Glauben an die alten Masken und Rollen, die uns schon in der Kindheit antrainiert wurden ist, dass wir uns mit bestimmten Eigenschaften und auch Problemen beginnen selbst zu identifizieren. Plötzlich HAT man das Problem nicht mehr nur, sondern man IST das Problem. Dieser Umstand wird deutlich, wenn man die gesprochenen Sätze (und somit auch Glaubenssätze) der Menschen mal genau beobachtet:

| „Ich BIN eben ein ADSler, ich kann mich nicht konzentrieren.
| „Ich BIN halt ein Choleriker und werde eben schnell mal laut, auch wenn ich es nicht so böse meine.“
| „Ich BIN eben ein ängstlicher Mensch und traue mich einfach nicht Entscheidungen zu treffen.“

Diese Sätze zeigen ganz klar die Selbstidentifikation mit dem Problem. Plötzlich hat man keine Angst mehr, sondern man ist die Angst. Mit dieser Haltung wird eine Lösung natürlich unmöglich, denn das Etikett der Krankheit oder der Problembezeichnung wird somit zum festen Teil des eigenen Selbstbildes. Wenn Problembeschreibungen zu Selbstzuschreibungen werden, kreiieren wir ein Selbstbild, dass wir von diesem Standpunkt aus nicht mehr verändern können.

Erfolgsregel: Sage mir wer Du glaubst dass Du bist, und ich sage Dir wer Du sein könntest.

Die Wahrheit ist: All unsere Eigenarten und Verhaltensweisen, sowie auch unsere Charakterzüge sind nichts anderes als psychische Gewohnheiten! Jede Gewohnheit kann man verändern, denn keine Gewohnheit war von Geburt an da. Sie wurde erlernt. Und alles was man erlernen kann, kann man auch wieder verlernen, indem man etwas günstigeres lernt, was den alten Standard sozusagen „überschreibt“, also ersetzt. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Und natürlich ist das auch nicht leicht. Doch nichts ist leicht, bis es nicht zur Gewohnheit geworden ist.
Die Frage ist also: Was genau tun Sie heute, morgen und übermorgen schon mal dafür, um eine neue Gewohnheit zu etablieren? Wenn Sie in den nächsten 3 Tagen eine Sache jeweils täglich 3 x anders machen als bisher und diesen Prozess für 3 Wochen wiederholen, haben Sie nach diesem kurzen Zeitraum eine neue Gewohnheit geschaffen, die spürbar stärker wird und beginnt, alte Muster zu überschreiben. Bitte glauben Sie mir das nicht einfach nur, weil ich es Ihnen sage. Ich will Ihnen damit keine neue Maske aufsetzen. Ich will, dass Sie diese These von mir einfach ausprobieren und in der Praxis überprüfen. Veränderung entsteht durchs Tun, nicht durchs Lesen. Es geht nur um 3 Wochen. Los geht’s!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.