Das „Millimeter-Prinzip“ – Warum wir oft näher am Ziel sind als wir glauben

Nicht nur im Golf gilt das Mllimeter-Prinzip

Nicht nur im Golf gilt das Millimeter-Prinzip

Manchmal versuchen wir alles richtig zu machen um unser Ziel zu erreichen, aber das Ergebnis ist meilenweit von dem entfernt, was wir uns eigentlich im Endeffekt vorstellen bzw. wünschen. In der Analyse ist hierbei eine Sache wichtig zu beachten: Auch wenn Ziel und Ergebnis sehr weit auseinander liegen kann es sein, dass man das Meiste richtig macht und nur eine Kleinigkeit für eine große Ergebnisänderung optimiert werden muss.

Manchmal sind es winzige Kleinigkeiten am Anfang eines Veränderungsprozesses, die einen enormen Unterschied im Ergebnis ausmachen können. Ich erkläre Ihnen dieses Phänomen anhand eines praktischen Beispiels aus meinem Berufsleben. Ich betreute als Mentalcoach vor einiger Zeit einen Golfprofi namens „Mo“ (sein Spitzname), und begleitete ihn auf einer seiner zahlreichen Trainingsrunden. Ich sah Mo bei seiner Arbeit zu, die er erkennbar exzellent beherrschte. Seine Schwünge waren flüssig und kraftvoll, die Bälle legten riesige Distanzen mit tollen Flugkurven in Richtung Ziel zurück und er schien bei jedem Schlag den Golfball immer perfekt zu treffen. Allerdings hatte Mo in den letzten Wochen Probleme bei seinem direkten Anspiel auf das Putting-Green, also dem Bereich, in dem das Loch zu finden ist, in das der Ball hineingespielt werden soll.

An dem Tag, an dem ich ihn begleitete trainierte er speziell intensiv diesen Annäherungsschlag an das Loch und schlug hierzu Bälle aus einer Entfernung von ca. 50 Metern auf die Fahne, die im Loch steckte. Mo´s Anspruch als Golfprofi ist hierbei, dass der Ball maximal 2-3 Meter vom Loch entfernt liegen bleiben muss, da er mit dem nächsten Schlag den Ball sicher und ohne großes Risiko im Loch unterbringen will. Er trainierte diesen Schlag über eine Stunde lang zig Male und lag in den meisten Fällen deutlich zu weit von seinem Ziel entfernt. Obwohl er seit Jahren über die spielerischen und technischen Qualitäten für diesen Schlag verfügte, verfehlte er sein gewünschtes Ziel häufig um mehrere Meter. Er war verzweifelt und suchte meinen Rat.
Ich setzte mich mit ihm auf eine Bank und begann mit ihm zu analysieren, was bei diesen Schlägen seiner Wahrnehmung nach vor sich ging. Mo sagte: „Ich habe das Gefühl, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich so einen Ball schlagen soll. Ich habe den Eindruck, ich mache alles falsch.“ Daraufhin gab ich ihm die Aufgabe, er solle sich jetzt nochmal einen Ball zurecht legen und einen Annäherungsschlag an die Fahne machen. Gesagt, getan – und der Ball flog wieder einmal deutlich zu weit, gute 5-6 Meter, hinter die Zielfahne. Nun fragte ich ihn: „Wie weit hast du dein Ziel jetzt verfehlt, Mo?“ Er antwortete: „Naja, wieder mal mindestens zirka 5 Meter.“ „Das ist falsch“, sagte ich. „Aus meiner Sicht bist du maximal 5 Millimeter von Deinem Ziel entfernt.“ Er schaute mich verdutzt an und dachte wohl darüber nach, ob die Idee, einen Mentaltrainer zu holen, die richtige gewesen sei…..denn die scheinen ja wohl wirklich alle zu spinnen :-)

Ich erklärte ihm meinen Ansatz: „Schau mal Mo: Ich bin zwar kein Golftrainer, aber ich gehe davon aus, dass Deine Schlagtechnik als Profi ausgereift und sauber ist. Dein Problem ist vielmehr, dass du glaubst, dass dein ganzer Schlag falsch und kaputt ist. Das ist aber nicht der Fall. Denn damit der Ball 5 Meter kürzer zum Ziel fliegt, ist eine Veränderung Deines Schlägerwinkels im Treffpunkt von nur wenigen Millimetern nötig.“ Mo sah mich mit offenem Mund an. Ich fuhr weiter fort: „Mal angenommen du schlägst zwei komplett identische Bälle hintereinander, mit gleicher Kraft, gleichen Windbedingungen usw, veränderst aber den Winkel Deiner Schlägerfläche nur um 1-2 Millimeter, verändert sich der Lage deines Balles am Ende um ein paar Meter, richtig?“ „Ja, das ist richtig“, sagte mein nach wie vor leicht irritierter Golf-Experte. Daraufhin schlussfolgerte ich: „Wenn das also richtig ist, bist du nicht ein paar Meter von deinem Ziel entfernt, sondern ein paar Millimeter. Denn der entscheidende Punkt den du analysieren und bewerten musst ist nicht der, wie nah der Ball am Ziel liegen bleibt, sondern der Moment, in dem du den Ball in Richtung Ziel beförderst. Hör auf die Ernte zu analysieren – analysiere das Samenkorn.“ Mo musste sich erstmal setzen :-)

Ich setzte mich neben ihm und führte meine Erklärungen fort: „Mo, nicht dein Schlag ist falsch, sondern Deine Gedanken sind falsch mit denen du deinen Schlag produzierst und mit denen du deine Fähigkeiten ununterbrochen in Frage stellst. Deine negative Ergebnisorientierung ist verantwortlich dafür, dass du den Ball ein paar Millimeter anders triffst, als früher, wo du ja bereits mit sehr viel Selbstbewusstsein diese Schläge wunderbar platziert hast. Du musst nicht viel ändern, denn du bist nach wie vor ganz nah an deinem perfekten Schlag und somit an deinem Ziel dran. Du kannst den Gedanken, dass du meilenweit von deiner Topform entfernt bist in Ruhe begraben, denn von deinem besten Golfspiel trennen dich nur ein paar winzige Millimeter.“ Mo stand da wie vom Blitz getroffen und meinte nur: „Das ist das Intelligenteste, was ich in den letzten 10 Jahren jemals über den Golfsport gehört habe. Und das von jemandem, der selbst nicht mal wirklich Golf spielen kann – da muss ich mich jetzt erst nochmal setzen.“ :-)
Mo´s Gesichtszüge lockerten sich plötzlich von einem Moment auf den anderen. Er begann seine Fehler, seine Ergebnisse und somit auch seine Fähigkeiten sowie sich selbst komplett neu zu bewerten. Der Gedanke, dass er eigentlich ja gar nicht weit entfernt, sondern ganz nah an seinem Ziel war, entspannte ihn total und nahm ihm einen ungeheuren Druck. Unter dieser Lastbefreiung spielte er in den nächsten Wochen wieder viel befreiter auf und verbesserte sein Spiel nur durch diese Neubewertung um mehrere Schläge pro Runde. Er hatte gelernt, anders zu fokussieren.

Was können Sie nun von dieser Geschichte für Ihr Leben lernen? Manchmal scheinen auch wir durch die vorläufigen Ergebnisse die wir erzielen, meilenweit von unserem Ziel oder Traum entfernt zu sein. Ziele und Ergebnisse sind aber immer abhängig von den Ursachen, die wir dafür setzen. Winzigste Veränderungen bei den Ursachen können riesige Veränderungen auf die Ausprägungen Ihrer Ergebnisse haben. Damit Ihnen dieser Fakt noch klarer wird, zitiere ich an dieser Stelle den französischen Tennis-Star Gael Monfils, der vor einiger Zeit den bemerkenswerten Satz sagte: „Ich lebe in dem festen Glauben daran, dass jeder Schlag meine gesamte Karriere verändern kann.“
Diese Aussage von Monfils ist 100% wahr! Denn ein großartiger Schlag kann einen intensiven Ballwechsel entscheiden und er gewinnt diesen Punkt. Durch diesen Punkt gewinnt er möglicherweise das Spiel. Und durch das Spiel gewinnt er möglicherweise dann den Satz und somit das Match. Das gewonnene Match kann den gesamten Turniersieg bescheren und somit seine Karriere in eine komplett neue, positive Richtung lenken. Die Basis hierfür war ein einziger Schlag!

Es sind die täglichen Kleinigkeiten, die am Ende den großen Unterschied machen. Man überschätzt oftmals sehr stark, was man kurzfristig erreichen kann und unterschätzt genauso stark, was man langfristig erreichen kann. Wenn Sie das Gefühl haben, weit von Ihren gewünschten Ergebnissen weg zu sein, dann machen Sie sich immer bewusst, dass Sie sehr wahrscheinlich nur ein paar Millimeter von Ihrem Ziel entfernt sind. Denn wenn Sie die Ursachen die Sie setzen um ein paar Millimeter verändern, wird Ihr Ergebnis am Ende des Tages komplett anders aussehen. Jeder Schlag, jedes Wort, jede Aktion kann Ihr Leben mittel- bis langfristig komplett verändern. Schauen Sie viel weniger auf Ergebnisse, sondern schauen Sie darauf, mit welcher Qualität Sie heute das tun, was zu tun ist….. und tun Sie es so gut Sie können. Jeder Millimeter zählt!

3 Gedanken zu „Das „Millimeter-Prinzip“ – Warum wir oft näher am Ziel sind als wir glauben

  1. Sehr schöner Artikel – ein tolles Praxis Beispiel für das Reframing und dafür wie wichtig es ist angebliche Probleme aus anderen Blickwinkeln zu betrachten – denn unser Ergebnisdenken hemmt sehr häufig unser volle Potenzialentfaltung.

    • Werner das was das bisher Beste was ich je zu lesen bekommen habe, denn auch ich habe immer meine Ernte analysiert.
      Das werde ich jetzt auch ausprobieren.
      Vielen Dank und ein schönes Weihanchtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2014
      Werner

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