Warum man für Fortschritt oft auch Rückschritte braucht

Jeder Mensch interessiert sich für Fortschritt und Wachstum. Kürzlich bekam ich zu diesem Thema auf meiner Facebook Fanseite eine interessante Frage von Sebastian W. zugeschickt: „Ich habe mir ein klares Ziel gesetzt und versuche seit ein paar Wochen nun mit neuer Einstellung einen Fortschritt zu machen um mein großes Ziel zu erreichen. Allerdings wird gerade alles noch schlechter als besser. Ich bin verzweifelt, denn momentan habe ich das Gefühl, dass ich anstatt einem Fortschritt eher Rückschritte mache. Wird das denn wieder mal besser?“ Eine tolle Frage, die jeden von uns betrifft. Daher heute dazu meine Antwort.

Das Phänomen, dass Sebastian beschreibt, nenne ich den Heilungsschmerz. Dieser Begriff kommt aus der Medizin und bezeichnet den Moment, in dem (manchmal) ein Schmerz entsteht, wenn der Fortschritt der Heilung durch den Heilungsprozess im Körper beginnt. Dieser Schmerz ist definitiv unangenehm, aber notwendig. Es ist ein Zeichen dafür, dass der Körper zu arbeiten beginnt und alte (kranke, abgestorbene) Strukturen durch neue ersetzt werden. Man kennt das beispielsweise von der Zeit nach einem Sonnenbrand. Wenn der Körper beginnt zu heilen, beginnt sich die alte verbrannte Haut abzulösen (was alles andere als schön aussieht), was häufig von einem heftigen Juckreiz begleitet wird, der sehr viel unangenehmer sein kann, als der Sonnenbrand selbst.

Fortschritt im Leben ist wie Training mit Muskelkater

Auch der Muskelkater ist ein klassisches Beispiel. Immer wieder mal zieht man sich im Training bei bestimmten ungewohnten Körperbewegungen zahlreiche winzig kleine Muskelverletzungen (sozusagen Mini-Muskelfaserrisse) zu, die am Tag darauf dann sehr unangenehm spürbar werden und gemeinhin als Muskelkater bekannt sind. Oftmals ist der Muskelkater am 2. Tag sogar noch viel schlimmer als am Tag der Verletzung selbst, oder am 1. Tag danach. Der höhere Schmerz bedeutet nicht, dass die Verletzung immer schlimmer wird, sondern dass der Körper das Problem erkannt hat und jetzt voll im Fortschritt des Heilungsprozesses ist. Dennoch werden die Schmerzen in dieser Heilungsphase häufig vorübergehend stärker. Die Betonung liegt auf „vorübergehend“!
Im Leben ist das ganz genauso. Bevor Sie etwas Neues lernen können oder in irgendeinem Bereich Ihres Lebens einen Fortschritt machen wollen, müssen häufig alte Strukturen, Gewohnheiten, Handlungsmuster und Automatismen aufgelöst (geheilt) werden, damit sich neue Strukturen entwickeln können.

Langfristiger Erfolg benötigt oft kurzfristig schlechtere Ergebnisse

Jeder der schon mal Sport mit bestimmten zu erlernenden Bewegungsabläufen betrieben hat und dabei von einem Trainer Ratschläge bekommen hat, weiß wovon ich spreche. Ich selbst kenne diesen Prozess aus dem Tennis Leistungssport aus eigener Erfahrung. Um die Effektivität meiner Schläge zu verbessern, mussten meine Trainer immer wieder an meiner Technik feilen und vorhandene Bewegungsabläufe korrigieren. Oftmals musste ich eine Technik teilweise sogar komplett umlernen, was vorerst zu großen Rückschritten führte, da ich mit der neuen, ungewohnten Technik erstmal schlechter spielte, als mit der gewohnten alten Technik. Ich spürte den Heilungsschmerz mehr als deutlich und sah ihn sogar noch schwarz auf weiß in der Ergebnisliste, da ich in dieser Phase oft einige Matches gegen Gegner verlor, die ich bis dato immer besiegt hatte. Der Frust war groß und natürlich stellte auch ich mir die Frage: „Brauche ich diesen Mist denn überhaupt? Warum mache ich es nicht einfach wieder wie zuvor auch, dann verliere ich wenigstens nicht dauernd!“

Erfolgsregel: Man ÜBERSCHÄTZT sehr häufig, welchen Fortschritt man KURZFRISTIG erreichen kann und UNTERSCHÄTZT sehr häufig, welchen Fortschritt man LANGFRISTIG erreichen kann.

An diesem Punkt des Zweifelns und der Frustration ist die eigene innere Entscheidung der springende Punkt. Sie haben nun zwei Möglichkeiten: Entweder Sie entscheiden sich dafür, in die alten Gewohnheiten zurückzufallen um kurzfristigen Erfolg wieder möglich zu machen, oder Sie ziehen das neue Muster solange durch, bis es als neue Gewohnheit verankert ist und sich ein deutlicher langfristiger Fortschritt bemerkbar macht.
Fakt ist: Kurzfristige Erfolg finden immer auf dem gleichen Level wie bisher statt. Wirkliche Weiterentwicklung ist Mangelware. Wer Rückschritte in seinem Leben kategorisch ablehnt, wird immer auf dem gleichen Level bleiben, wie bisher auch. In meinem Beispiel hätte das bedeutet, dass ich mit der alten Schlagtechnik zwar weiter hätte spielen können wie bisher auch, aber ein wirklicher Fortschritt, der mich zu einem deutlich besseren Spieler gemacht hätte, wäre auf diese Weise niemals möglich gewesen, da ich durch meine alten (Bewegungs)Strukturen einfach limitiert war.

Erfolgsregel: Kurzfristiger Erfolg ist oftmals langfristiger Misserfolg!

Im Gegensatz dazu finden Erfolge durch langfristigen Fortschritt auf einem viel höheren Niveau statt und bieten Potenzial für zusätzliches Wachstum und Weiterentwicklung. Jeder Mensch will sich weiterentwickeln, will dazulernen, will nicht begrenzt sondern frei sein und immer weiter wachsen. Aber genau für diesen Prozess brauchen Sie die stetige Abwechslung zwischen Fortschritt und Rückschritt.
Jimmy Connors, ehemaliger Tennis Weltklassespieler und bekennender Golf-Fan, sagte vor kurzem einen sehr schlauen Satz: „Jede gute Golfrunde beginnt mit einem Bogey.“ Diese Aussage trifft den Kern zu 100%. Ich bringe es in meinen Worten so auf den Punkt: „Ohne Rückschritt gibt es keinen Fortschritt.“

Steffen Kirchner | Speaker & Mentalcoach | www.steffenkirchner.de

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