Welche Rolle Boris Becker wirklich für Novak Djokovic spielt

Die Meldung über den neuen Trainerjob von Boris Becker schlug in den letzten Tagen ein wie eine Bombe. Die zuletzt in Deutschland massiv in Ungnade gefallene Tennislegende aus Leimen wird zu Beginn des Jahres 2014 der neue „Trainer“ des aktuellen Weltranglistenzweiten und Weltmeisters von 2013, Novak Djokovic. Diese Personalentscheidung des derzeit vielleicht besten Tennisspielers der Welt hat mit absoluter Sicherheit nichts damit zu tun, Boris Becker einen Gefallen zu tun, um dessen Image aufzubauen. Vielmehr steckt aber eine klare Absicht mit einem konkreten Ziel hinter dieser Verpflichtung. Mit der klassischen Rolle eines Trainers hat Boris Beckers Job allerdings nicht viel zu tun.

Wenn man die Pressemeldungen der letzten Tage über die Zusammenarbeit von Becker und Djokovic genau ansieht, dann erkennt man zwischen den Zeilen die eigentliche Aufgabe von Boris Becker etwas genauer. Genau genommen wird er nämlich nicht Trainer, sondern der „Headcoach“ von Djokovic sein. Was ist die Aufgabe eines Headcoaches? Das Wort an sich ist lustigerweise schon ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl. Der Headcoach ist der Kopf des Trainerteams – und in Beckers Fall vielleicht ganz einfach der Coach für den Kopf. Was auch sonst soll der dreimalige Wimbledonsieger dem serbischen Superstar noch beibringen? Novak Djokovic war bereits mehr als 100 Wochen die Nummer 1 der Weltrangliste und ist somit bereits jetzt bei weitem erfolgreicher, als Boris Becker es jemals in seiner Karriere war. Die Aufgabe während dieser Zusammenarbeit kann und wird nicht darin bestehen, dass sich der deutsche Tennisheld beim Training hinter Djokovic stellt und ihm technische Anweisungen für Vorhand oder Rückhand gibt. Für das klassische Training auf dem Platz behält der Serbe außerdem seinen langjährigen Trainer Marian Vajda. Boris Beckers Funktion ist eine ganz andere. Es geht darum, neue Reize und Impulse zu setzen.

Boris Becker ist nicht der Trainer – er ist Inspirator

Gerüchte nach einer Veränderung in Djokovic´s Team gab es in der Szene schon seit einiger Zeit. Der sechsmalige Grand-Slam-Sieger suchte nach einer Veränderung, denn er hatte in diesem Jahr gegen den Weltranglistenersten, seinen schärfsten Konkurrenten Rafael Nadal, viel zu oft das Nachsehen gehabt (Karrierebilanz 22:17 Siege für Nadal). Doch was soll man noch tun, wenn Ernährungs-, Trainings- und Fitnessplan bereits perfektioniert sind? Auf diesem Niveau gibt es nur noch hauchdünne Nuancen, die den Unterschied ausmachen, ob man ein Grand-Slam-Finale gewinnt oder verliert. Diese entscheidenden Prozentpunkte der Leistung sind einzig und alleine durch mentale Stärke und eine damit einhergehende optimale innere Energiebereitstellung zu erreichen. Wenn zwei gleichstarke Sportler aufeinandertreffen, gewinnt derjenige, der mehr Energie in seinem Inneren mobilisieren und positiv nutzen kann. Dafür braucht man keinen Trainer, der einen trainiert, sondern einen Inspirator, der einen inspiriert.

Inspirierend sind die Geschichten von Boris Beckers Vergangenheit und seinen sportlichen Erlebnissen sowie Erkenntnissen mit Sicherheit. Der Trick, für diese Aufgabe einen Helden vergangener Tage zu gewinnen, ist nicht neu. Boris Becker war nicht die erste Tennislegende, die für eine derartige Position ins Team eines aktuellen Sportstars gerufen wurde. Djokovic´s schottischer Konkurrent Andy Murray hatte zuletzt Altmeister Ivan Lendl verpflichtet und mit ihm den Sprung an die absolute Weltspitze geschafft (u.a. Olympiasieger 2012 und Wimbledonsieger 2013). Auch Lendl stand mal lange Zeit ganz oben. In seiner damaligen Karriere verlor er selbst seine ersten vier Endspiele bei einem Grand-Slam und kennt die Gefühle in diesem Moment und auch den Weg, um dadurch noch stärker und erfolgreicher zu werden. Auch Roger Federer hatte mal die australische Tennislegende Tony Roche an seiner Seite und trainiert derzeit mit seinem schwedischen Tennisidol Stefan Edberg. Japans Hoffnungsträger Kei Nishikori vertraut künftig Michael Chang, der zu den Zeiten Lendl, Edberg und Boris Becker ebenfalls zu den Besten der Welt zählte und vor allem durch seine enorme Energie- und Willensleistung unglaubliche Siege erringen konnte. Die Erfahrungen und Inspiration durch einen Champion sind unbezahlbar und durch kein Training der Welt ersetz- oder simulierbar.

Boris Becker ist Impulsgeber auf allen Ebenen

„Boris bringt frische Impulse“, teilte Djokovic in seiner Pressemeldung mit. Und um nicht mehr, aber auch nicht um weniger geht es für ihn bei dieser Zusammenarbeit. Boris Becker wird seinen 26-Jährigen Schützling bei den zwölf wichtigsten Turnieren 2014 betreuen. Das sind etwa 20 Wochen während der elfmonatigen Saison und somit ein gehöriger Zeitaufwand für den Deutschen. In 20 Wochen kann er als Headcoach durchaus massiven Einfluss auf verschiedenste Bereiche von Djokovic´s Spiel nehmen. Sicherlich wird man sich auch das erhoffen, denn Boris Becker wird nicht nur als Märchenonkel verpflichtet worden sein, der inspirierende Anekdoten von damals erzählt.

Es geht um die sportliche Grundausrichtung des Athleten Novak Djokovic. Er muss seinen Spielstil weiterentwickeln – er muss womöglich auch offensiver werden. Sein Konkurrent Rafael Nadal hat sein Spiel deutlich verändert und neue Varianten und Spielzüge in sein Repertoire aufgenommen. Der Spanier sucht nun häufiger den offensiven Weg ans Netz und beherrscht mittlerweile neben seinen krachenden Vorhandschlägen auch einen für den Gegner äußerst unangenehmen Rückhand-Slice Schlag, der ihm taktisch ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Boris Becker selbst suchte in seiner Karriere stets den offensiven Weg ans Netz. Er spielte auf Risiko und gewann in der Regel, oft sogar noch nach enormen Rückständen. Mit Sicherheit ist es auch ein Teil seiner Aufgabe als Headcoach, die spielerische Gesamtstrategie von Djokovic neu zu überdenken und weiterzuentwickeln, um ihn noch gefährlicher für seine Gegner zu machen. Dafür braucht man keinen Trainerschein, sondern Erfahrung und ein gutes Auge für das Wesentliche. Und auch wenn man Becker hierzulande einiges an Unzulänglichkeiten vorwerfen kann – den Blick fürs Wesentliche und eine enorme Nervenstärke hatte er in seiner Tenniskarriere immer.

Kann Boris Becker noch Erfolg?

Die Antwort auf diese Frage wird die nahe Zukunft bringen. Die Zusammenarbeit mit seinem serbischen Schützling beginnt beim ersten Grand-Slam Turnier des Jahres, den Australian Open, die von Mitte bis Ende Januar stattfinden. Djokovic ist Titelverteidiger bei diesem Turnier, was ein erster, aber wegweisender Härtetest für die Kooperation mit seinem neuen Headcoach sein wird. Die beiden werden herausfinden, wie sie in Druck- und Turniersituationen gegenseitig ticken und ob die menschliche sowie fachliche Chemie stimmt.

Dass Boris Becker noch einen Riecher für Erfolg hat, darf angenommen werden. Als Coach von Djokovic ist er in einer anderen Rolle als in seinem Privatleben, mit dem er speziell in den letzten Monaten hierzulande ausschließlich negative Schlagzeilen machte und einen verbalen Doppelfehler nach dem anderen produzierte. Einen Punkt müssen wir immer verstehen: Die Persönlichkeit, die Boris Becker zu sein scheint, ist er nicht selbst. Menschen haben eine Persönlichkeit, sie sind nicht ihre Persönlichkeit. Das ist ein großer Unterschied!
Das Wort Persönlichkeit stammt vom lateinischen Begriff persona ab, was soviel bedeutet wie Maske. Die Persönlichkeit eines Menschen ist also eine Maske, die er aufsetzt und somit eine Rolle spielt, vergleichbar mit einem Theaterspieler. Jeder von uns spielt verschiedene Rollen (mit verschiedenen Masken) in seinem Leben, wodurch wir auch verschiedene Persönlichkeitsmerkmale (Charakterzüge) an den Tag legen. Mal ist man der ehrgeizige Sportler, der den Gegner wie ein Reh im Wald ins Visier nimmt, um es dann zu eliminieren. Drei Stunden später ist man der hilfsbereite und zurückhaltene Ehepartner, der sich für sein Herzblatt aufopfert und sich als zurückhaltender guter Zuhörer erweist. Und wieder ein paar Stunden später feiert man mit Freunden als ausgelassener Partyhengst in einer Disco, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Menschen passen eben nicht in eine einzelne Schublade.

In Boris Beckers Fall hängt die Erfolgsfrage also nicht wirklich von seiner Maske, also seiner Persönlichkeit ab. Denn dass er die Persönlichkeit eines Champions besitzt, dass er mental stark, maximal fokussiert und hochprofessionell arbeiten kann, hat er über viele Jahre weltweit bewiesen. Die Frage ist vielmehr, für welche seiner vielen Persönlichkeiten er sich entscheidet. Welche Maske setzt er auf? Die des aufmerksamkeits- und anerkennungssüchtigen Medienstars, oder die des harten, disziplinierten Arbeiters? Entscheidend ist nicht, was Becker kann, sondern was er wirklich will. Und dieses Wollen muss für mindestens 20 Wochen im Jahr in die gleiche Richtung gehen, wie das Wollen von Novak Djokovic. Liegen die mentalen Ausrichtungen dieser beiden Persönlichkeiten hier auf einer Wellenlänge, kann die Zusammenarbeit zu einer großen Erfolgsgeschichte werden. Spielen beide zu verschiedene Rollen für eine gelungene gemeinsame Show, wird das Ganze schon nach wenigen Wochen wieder im Sande verlaufen.

Steffen Kirchner | Speaker & Mentalcoach | www.steffenkirchner.de

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